St.Gallen ist im Club der ältesten Bibliotheken

Zum ersten Mal haben sich in Salzburg die vier ältesten Bibliotheken der Welt getroffen, auf Initiative des St.Galler Stiftsbibliothekars. Die Verantwortlichen haben dabei einige Gemeinsamkeiten entdeckt.

Roger Berhalter
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Der St.Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora in der Handschriftenkammer; im Hintergrund der berühmte Barocksaal der Stiftsbibliothek. (Bild: Lisa Jenny)

Der St.Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora in der Handschriftenkammer; im Hintergrund der berühmte Barocksaal der Stiftsbibliothek. (Bild: Lisa Jenny)

Wie alt sind die ältesten Bibliotheken der Welt? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. «Bibliotheken werden nicht gegründet, sie entstehen», sagt der St.Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora. Er hat die vier ältesten bis heute bestehenden Bibliotheken ermittelt und zu einem Treffen eingeladen: Neben der St.Galler Stiftsbibliothek (seit 612) sind dies die Biblioteca Capitolare in Verona (3. Jahrhundert), die Bibliothek des Katharinenklosters in Sinai (um 550) und die Stiftsbibliothek St.Peter in Salzburg (696).

Vertreter dieser vier Institutionen haben sich kürzlich in Salzburg zum ersten Mal getroffen. Sie lernten sich persönlich kennen, tauschten sich aus, lauschten zwei Tage lang Fachvorträgen und entdeckten dabei so manche Gemeinsamkeit. «Wir verstanden uns sofort», sagt Dora, der ein solches Treffen schon länger im Sinn hatte.

Erste Gemeinsamkeit: Die vier Bibliotheken sind alle kirchlichen Ursprungs und als Teil eines Klosters oder Domkapitels entstanden. Die Mönche sammelten Bücher an, füllten Regal um Regal, bis schliesslich eine Bibliothek daraus wurde. Die St.Galler Stiftsbibliothek sticht dabei in einem wesentlichen Punkt heraus: Sie ist von den vier ältesten Bibliotheken die einzige, die ihr Mutterhaus, das Kloster, verloren hat. Mönche gehen im Stiftsbezirk schon lange nicht mehr ein und aus.

Zweite Gemeinsamkeit: Weil sich das exakte Alter der Bibliotheken nicht mehr bestimmen lässt, behelfen sich die Historiker mit Angaben aus alten Schriften. 612 gilt als Gründungsjahr der St.Galler Stiftsbibliothek. Das Jahr also, in dem der irische Mönch Gallus der Legende nach in der Mühleggschlucht auf den Bären traf und die Stadt St.Gallen gründete.

Gallus hatte damals auch Bücher im Gepäck. «Man weiss, dass er drei Jahre lang Diakon Johannes in den Heiligen Schriften unterwies», sagt Cornel Dora. «Das zeugt davon, dass Gallus solche Schriften hatte.» Die Bücher des irischen Mönchs, sie sind der Ursprung der St.Galler Stiftsbibliothek.

Dritte Gemeinsamkeit: Alle vier Bibliotheken sind in der Forschung tätig, und jede Forschung an diesen alten Handschriften «ist automatisch von Bedeutung», sagt Dora. St.Gallen hat beispielsweise eine grosse Sammlung so genannter Palimpseste: Seiten, die mehrfach beschrieben wurden, weil Pergament früher kostbar war. Beim Treffen in Salzburg hielt eine Expertin der Universität Wien einen Vortrag zum Thema.

Denn auch die Bibliothek im Katharinenkloster in Sinai besitzt solche Palimpseste. «Eine faszinierende Institution», sagt Dora und zeigt ein Foto des Klosters: Eine sandfarbene Trutzburg am Fuss des Bergs Sinai. Eine christliche Institution mitten im islamischen Ägypten, abgelegen und doch gut besucht von Touristen aus aller Welt.

Vierte Gemeinsamkeit: Die Digitalisierung macht auch vor den ältesten Bibliotheken der Welt nicht Halt. Sie ermöglicht ihnen zum Beispiel, ihre Bestände wieder zu komplettieren und die Bibliothek, so wie sie einmal war, digital zu rekonstruieren. Denn keine der vier Sammlungen sei noch komplett, sagt Dora, dies ist die fünfte Gemeinsamkeit. Manche Handschriften seien im Lauf der Jahr(hundert)e auf mehrere Standorte verteilt worden. «Virtuell kann man sie wieder vereinen.»

Die sechste Gemeinsamkeit der Bibliotheken formuliert der St.Galler Stiftsbibliothekar mit Pathos: «Wir alle stehen für die Geschichte der Menschheit ein und tragen eine grosse Verantwortung.» Bibliotheken würden wie kaum etwas sonst den «tiefen Wunsch nach Dauerhaftigkeit» verkörpern. Was ist wichtig? Was bleibt? Auf solche grossen Fragen können die ältesten Bibliotheken der Welt Antworten geben.