Robert Redfords letzter Film: Eine Paraderolle als charmanter Gauner

Mit über achtzig Jahren dreht Robert Redford noch einmal voll auf: In seiner wohl letzten grossen Rolle des Bankräubers und Ausbrecherkönigs Forrest Tucker in «The Old Man & the Gun».

Irene Genhart
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Es werde dies seine letzte Rolle sein hat Robert Redford verkündet. So geht man denn ins Kino mit dem Gefühl, einer Abschiedsvorstellung beizuwohnen. Und man wird den Schauspieler mit den strahlend blauen Augen und dem charmanten Lachen, den man in gefühlt tausend Filmen gesehen hat – (es waren in Wirklichkeit höchstens 80) – gern so in Erinnerung behalten: Als Mann, der adrett gekleidet eine Bank betritt und geduldig wartet, bis die Reihe an ihm ist. Dann macht er ein bisschen Smalltalk, lüpft nebenbei die Jacke, so dass der Mann oder die Frau hinter dem Schalter seine Pistole sieht, und murmelt dabei sinngemäss etwas wie: «Das ist mein Geschäft.»

Die Sage vom Gentleman-Räuber

Der Kerl, sein Name ist Forrest Tucker, hat nicht nur stählerne Nerven, sondern auch Stil. Vor allem aber hat er pfundweise Charme und Charisma, so dass ihn die meisten Zeugen hinterher als zuvorkommend höflichen und freundlichen Gentleman beschreiben und oft gar nicht wissen, ob er eine Waffe dabei hatte.

So weit die Sage. So auch das Bild, das Regisseur David Lowery in «The Old Man & the Gun» von Forrest Tucker entwirft, der 1920 in Miami geboren, ein Schwerverbrecher war.

Noch nicht einmal seine Frauen wussten es

Tucker war dreimal verheiratet und hatte zwei Kinder, alle seine Frauen gaben an, erst nach der Hochzeit durch die Polizei von den Gaunereien ihres Gatten erfahren zu haben. Tucker wurde mit 15 Jahren zum ersten Mal verhaftet und sass den grössten Teil seines Lebens hinter Gittern. Doch er war eben nicht nur einer der erfolgreichsten Bankräuber der USA, sondern auch ein geschickter Ausbrecher; sogar das legendäre Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz hat er auf eigene Faust wieder verlassen.

Der Film fächert Tuckers Leben als «beinahe wahre Geschichte» auf, ausgehend vom Jahr 1981, als dieser zusammen mit seinen beiden Komplizen in Texas eine Räubertour quer durch die Staaten antritt. «Over-the-Hill-Band» nennt sich das Trio. Tucker ist ihr Kopf und steht auch bei den Überfällen stets im Zentrum. Die Verfolgungsjagden, sofern es überhaupt dazu kommt, wirken im Vergleich zu den heutigen geradezu gemütlich und dürften Liebhabern von Oldtimern das Herz höher schlagen lassen.

Auch eine zarte Liebesgeschichte

Mitten während einer solchen Verfolgungsjagd gabelt Tucker die am Strassenrand neben ihrem liegen gebliebenen Truck stehende Farmerin Jewel (Sissy Spacek) auf. «The Old Man & the Gun» ist mit feinem Gefühl für Stimmungen und Zeitkolorit inszeniert. Als melancholisch-zarte Liebesgeschichte. Vor allem aber als fesselndes Porträt eines an sich klugen und cleveren Mannes, der von seiner Leidenschaft selbst dann nicht loskommt, als der Schatten seines Verfolgers (Casey Affleck) bedrohlich über ihn fällt.

Ein cooler Film wie geschaffen für Redford

Der Film schrammt in einigen Szenen ganz knapp am Kitsch vorbei – wobei man sich allerdings regelmässig beim Gedanken ertappt, ob das wirklich Kitsch ist, was man da sieht, oder ob der Einsatz von so viel Weichzeichnern in gewissen Filmgenres unseren Sehgewohnheiten einfach zuwiderläuft. Tatsächlich nämlich ist «The Old Man & the Gun» über weite Strecken einfach nur cool. Retro-cool. Das Porträt eines smoothen Kriminellen und zugleich ein fesselndes Porträt Redfords als Schauspieler.

Ab morgen im Kino