Preisträger
Aufgepasst: Das ist unser Buster Keaton der Schweiz

Man müsste weinen, wenn man nicht lachen könnte: Der tragische Humorist Martin Zimmermann hat den wichtigsten Preis der Schweiz für darstellende Kunst gewonnen. Wer ist dieser Rätselmensch?

Daniele Muscionico
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«Danse Macabre» ist seine aktuelle Produktion. Martin Zimmermann, Artist, Bühnenbildner, Regisseur und seine bessere Hälfte.

«Danse Macabre» ist seine aktuelle Produktion. Martin Zimmermann, Artist, Bühnenbildner, Regisseur und seine bessere Hälfte.

Bild: Augustin Rebetez

Sein Lachen beginnt an der Nasenwurzel und fällt aus dem Gesicht, wo das Kinn das Gesicht stützt. Was für ein Gesicht! Martin Zimmermann in persona zu treffen, heisst Martin Zimmermann nicht mehr zu vergessen: Seine Visage ist eine Aufforderung der Natur, sie auf eine Bühne zu tragen und dort das Publikum zum Lachen zu bringen. Und zum Nachdenken.

Zimmermann hat ein bemerkenswertes Lachen und eine noch bemerkenswertere Physiognomie. Die dritte Auffälligkeit ist temporär: Er ist dieses Jahr der mit dem meisten Ruhm bekleckerte Bühnenkünstler der Schweiz. Heute wird ihm im neuen Theater in Delémont die höchste Auszeichnung des Landes verliehen, der Schweizer Grand Prix Darstellende Künste/Hans-Reinhart-Ring 2021.

Nachfahre grosser Clowns und Clowninnen

Man trifft sich vor der Feier in seinem Zürcher Atelier. Ein kleines Hinterhofhaus im ehemaligen Zürcher Industriequartier, es fungiert auch als Wohnhaus seiner Familie. Zimmermann ist Vater von zwei Buben und Ehemann der ihm ebenbürtigen Tänzerin und Choreografin Eugénie Rebetez. Als Künstlerpaar teilt man sich Elternpflicht und Hausarbeit paritätisch.

Sein Arbeitsreich ist eine Kreativwerkstatt, geschnipselt und genäht wird hier, geklebt und gezeichnet, denn er selbst ist alles in einer Person: Bühnenbildner und Choreograf, Darsteller und Regisseur. Und vor allem ist er ein Trieb eines uralten Astes, der hierzulande nur mässig angesehenen Gilde der Clowns. Was war seine erste Reaktion auf den Preis? Martin Zimmermann zieht sein naturlanges Gesicht noch länger und meint: «Ich habe es nicht geglaubt. Später habe ich geweint.»

Mit «Danse Macabre» auf Tournee durch die Schweiz

Zwischen Lachen und Weinen ist Zimmermanns Zuhause. Ein Zirkusmensch ohne Zirkusrequisiten, ein Schlangenmensch des Abgründigen, der auf der Bühne mit seinem Körper und mit dem Raum Dinge erfindet, für die Sprache zu klein ist: einen Totentanz im jüngsten Stück «Danse macabre», das weiterhin in Schweizer Theatern zu sehen ist, und ein becketthaftes Tableau der Abend «Eins, zwei, drei».

Seine Produktionen zeichnen mit Poesie Einsamkeit nach und mit philosophischem Hintersinn unseren Willen, in der Fressordnung immer einen Platz weiter vorne zu sein als unser Konkurrent. Zimmermann hat dafür ein Bühnen-Esperanto ohne Worte erfunden, das auf der ganzen Welt verstanden wird.

Ganz so wie Buster Keaton, Charlie Chaplin, Karl Valentin, Massimo Rocchi. Ganz so wie die Heroen – und Heroinnen: Gardi Hutter, Liesl Karlstadt –, die Tragikomischen im Theater, Zirkus und im Film. Martin Zimmermann, im Zürcher Tösstal aufgewachsen, seine Familie stellt seit ewig ruhmreiche Käse her, hat im Circus Knie schon als Kind Blut geleckt. Mit 13 Jahren ging er als Akrobat auf Tournee, später hat er sein Können an der Pariser Hochschule Centre National des Arts Cirque geschliffen: Zirkuskunst, physisches Theater hat in lateinischen Ländern eine angesehene Tradition. Gäbe es heute in der Schweiz die Position eines eidgenössischen Buster Keaton zu besetzen, sie fiele – konkurrenzlos – Martin Zimmermann zu.

Der Grand Prix Darstellende Künste an ihn ist ein Zeichen, dass sich auch hierzulande etwas bewegt. Man erkennt, dass Körpertheater und das alte Handwerk des clownesken Artisten hohe Kunst sei und dem Erbe des hirnfixierten Sprechtheaters ebenbürtig. Obwohl, aus dem «Nichts» sei die Ehre auf ihm ausgeschüttet worden, meint der Geehrte, mit typisch schweizerischer Zurückhaltung und Skepsis allem gegenüber, was grösser ist als man selbst.

Live, analog, riskant und emotional

Doch die Auszeichnung kam richtig. Er ist dieses Jahr 50 Jahre alt und hat in der Coronakrise, wie andere Kolleginnen und Kollegen, sein Metier unter Beschuss erlebt. Mindestens 40 Auftritte brachen ihm weg.

Freunde gaben auf, er aber wollte weiter daran glauben, dass sein «Handwerk» und vor allem das Livemoment auf einer Bühne Werte seien, die es zu verteidigen gelte. Als Team­player versteht er den Preis auch als Dank an sein Publikum. Und er teilt ihn – nicht nur ideell – mit seinen langjährigen, treuen Verbündeten, mit denen er teils seit Beginn zusammenarbeitet und auf Tournee geht.

Ob in New York oder Tokio, in der Alten Reithalle Aarau oder am Kurtheater Baden, Zimmermanns Kunst begeistert ein Publikum allen Alters und aller Herkünfte. Das Geheimnis liegt darin, dass unser Buster Keaton zwar fantastisch assoziativ ist, in einem aber entschieden klar: «Kunst darf nicht nur elitär sein, und sie soll auch Freude machen.»

«Danse macabre» ist zu sehen in Baden, Zug, Basel, Aarau www.martinzimmermann.ch

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