Der Boom der fünften Landessprache

Jodeln ist die Suche nach den Wurzeln. Das Zusammenspiel von kopfigen und brustigen Tönen tief aus dem Innern reizt viele einmal im Leben.

Christoph Zweili
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Vor allem im Appenzellerland und im Toggenburg haben Jodelchöre wie dieser hier in Urnäsch Zulauf. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Vor allem im Appenzellerland und im Toggenburg haben Jodelchöre wie dieser hier in Urnäsch Zulauf. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Jodeln macht heute keinen Sinn mehr. Selbst die Gossauer Jodellehrerin Monika Krapf hat ein Handy und denkt nicht daran, grosse Distanzen mit ihrer Falsettstimme zu überbrücken. Früher mag das das Kommunikationsmittel erster Wahl über Schluchten hinweg und von Gipfel zu Gipfel gewesen sein. Heute gibt es andere Möglichkeiten, den Senn gegenüber anzurufen. Auch wenn Krapf nach langem Aufstieg auf den Gipfel ein Juchzer entflieht, als würde ihr gleich die Seele aus der Brust springen: Das ist nicht Kommunikation, «sondern ein Ausdruck von <ich hab's geschafft>. Ein Klang, der ganz aus dem Innern kommt. Den man rausschreien kann. Das ist zu gleichen Teilen Gas geben und Dampfablassen wie auch Therapie», sagt die 61jährige Jodlerin.

Von den Alpen bis nach Afrika

Hört sich gut an – wenn man's kann. Ist es dieses archaisch Traditionelle, dieses Eigensinnige, dieser Wechsel zwischen kopfigem und brustigem Klang, der das Jodeln in der Schweiz boomen lässt? Ein Ausdruck immerwährender Suche nach der Heimat? Krapf nickt zögerlich, spricht von bewahrender Bodenständigkeit im Handy-Zeitalter, vom Wiederfinden der eigenen Wurzeln in einer globalisierten Welt. «Jodeln ist die fünfte Landessprache» hat sie einmal gelesen. «Das trifft's!» Die Schweiz ist damit bei weitem nicht allein. Vor allem die altüberlieferte Stimmtechnik beim Naturjodel lässt sich mit Singpraktiken in anderen Ländern vergleichen. Und das nicht nur in den Alpen. «Auch Afrikaner jodeln», sagt Krapf. Sie selber hat es nicht so mit dem «Rugguserli», dem wortlosen Naturjodel im Innerrhodischen oder dem «Zäuerli» in Ausserrhoden. «Ich müsst's lernen», sagt sie mit hörbarem Respekt. Ihre Welt ist das nicht: Die Gossauerin pflegt das klassische, mehrstimmige Jodellied. Fünf Arten gibt es – den Singjodel, den Zungenschlagjodel, den Kehlkopfschlagjodel, den Chugelijodel und den Tröhljodel.

Jodeln lernt jeder für sich

In der Nordostschweiz ist vor allem der Kehlkopfschlagjodel verbreitet (siehe unten). Der Registerwechsel von der satten Brust- in die hohe Kopfstimme ist für Frauen nicht einfach zu erlernen. Diesen Übergang muss jeder so lange üben, bis er sitzt. «Im Jodlerclub lernst du das nicht. Dafür haben die Dirigenten keine Zeit. Wenn Frauen also in einer Formation mitsingen wollen, wird erwartet, dass sie schon alles mitbringen.» An der Schnittstelle zwischen Jodelkurs und aktivem Mitsingen hapert es auch heute noch.

Krapf hat schon als Kind in der Familie gerne gesungen, zweistimmig – beim gemeinsamen Abwasch mit der Mutter. Zum Jodeln kam sie erst 1980 beim Nordostschweizerischen in Gossau, wo sie im Hintergrund mitarbeitete. Als Spätberufene ist sie in guter Gesellschaft: Das Jodeln reizt viele irgendwann im Leben, vor allem vor eidgenössischen oder Unterverbandsfesten. Ähnliches hört die Gossauerin heute von ihren Schülern an den drei Migros-Klubschulen, in denen sie unterrichtet.

Sie selber nahm Privatstunden bei Fini Herrsche, der Dirigentin der Formation Säntisgruess – zwei Jahre lang, jeweils eine Dreiviertelstunde, bevor die normale Probe begann. Dann stimmte der Chor darüber ab, ob er sie aufnehmen wollte. Die Beziehung hielt 30 Jahre lang, 22 Jahre war Krapf im Vorstand, davon insgesamt 15 Jahre als Präsidentin. Im Jodlerverband gab es damals noch strenge Regeln. Bei Festen durften nur jeweils 16 Jodler auf die Bühne. War der Chor grösser, mussten die übrigen zuhören. Später waren dann 22 Jodlerinnen und Jodler zugelassen. «Seit ein paar Jahren gibt es diese Auflagen nicht mehr», sagt Krapf. Nicht zuletzt aufgrund der mitgliederstarken Chöre.

Bei den Jungen allerdings ist Jodeln nach wie vor in, vor allem im Appenzellerland und im Toggenburg. Hier ist das Jodeln ein gelebtes Kulturgut, das sich ständig erneuert. «Die Jungen wachsen damit auf und wollen die Tradition mittragen. Hier gibt es bei den Jodelklubs sogar Wartefristen.»