Hörbar: Es geht nicht um Feelgood

Der Blues ist nach wie vor relevant und brisant. In unseren Zeiten ist es gar nicht schwer, den Blues zu bekommen. Und den Blues wird man nur mit dem Blues los.

Tom Gsteiger
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Samuel Blaser:«Early in the Mornin’», Out Note Records

Samuel Blaser:«Early in the Mornin’», Out Note Records

Was wäre der Jazz ohne den Blues?

Bereits die Titel der Stücke machen klar, wohin die Reise geht: «Creepy Crawler», «Levee Camp Moan Blues», «Lonesome Road Blues». Was wäre der Jazz ohne den Blues? Auf diese Frage gibt der Schweizer Posaunist Samuel Blaser mit seinem Quartett eine musikalische Antwort, die fasziniert durch ihre aufregend paradoxe Mischung aus tiefschürfender Blues-Authentizität und modernistischer Abstraktion. Klar ist: Der Blues ist nach wie vor relevant und brisant. In unseren Zeiten ist es gar nicht schwer, den Blues zu bekommen. Und den Blues wird man nur mit dem Blues los.

Selbstverständlich hat Samuel Blaser keine Neuauflage der Blues Brothers ins Leben gerufen, schliesslich begreift der 1981 Geborene den Blues nicht als Feelgood-Unterhaltungsmusik, sondern als ernste Sache. Blaser überführt den Blues in ein neues Daseinsstadium, indem er ihm mit den Strategien des zeitgenössischen Jazz zu Leibe rückt. Für dieses Unterfangen hat der vielseitige Posaunist mit dem atmosphärischen Keyboarder Russ Lossing, dem agilen Bassisten Masa Kamaguchi und dem sensiblen Schlagzeuger Gerry Hemingway drei kongeniale Partner gefunden, zu denen auf der CD auf drei der total zehn Nummern mit Oliver Lake (Altsax) und Wallace Rooney (Trompete) zwei afro-amerikanische Jazzkoryphäen stossen, die den hypnotischen Bandsound auf wunderbare Weise erweitern.

Matthias Spillmann Trio: «Live at the Bird’s Eye Jazz Club», Cleanfeed Records

Matthias Spillmann Trio: «Live at the Bird’s Eye Jazz Club», Cleanfeed Records

Ein Trompeter mit einer Prise Irrwitz

Es kommt nicht häufig vor, dass ein Trompeter ein Trio mit Bass und Schlagzeug leitet. Matthias Spillmann meistert diese Herausforderung mit Bravour, Souplesse und einer Prise Irrwitz, wobei ihm Andreas Lang (Bass) und Moritz Baumgärtner (Schlagzeug) auf mal furiose, mal subtile Weise auf den Fersen folgen. Beim Debütalbum dieses Trios handelt es sich um einen Konzertmitschnitt. Die Stückauswahl ist exquisit und führt vom «St. Louis Blues» und der Strayhorn-Ballade «A Flower is a Lovesome Thing» über zwei Stücke Ornette Colemans («Peace», «Una Muy Bonita») zu Joe Lovanos «Fort Worth» und einem «Kinderlied» Spillmanns. Das Trio bleibt der Grundsubstanz dieser Stücke treu und drückt ihnen trotzdem seinen Stempel auf.