Rap

Der arme König des Schweizer Hip-Hop

Ohne EKR gäbe es Schweizer Rap nicht. Mit ihm bleibt er interessant, wie sein neues Album "MissTape" zeigt. Eine Huldigung

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EKR dürfte es nicht interessieren, ob Sie diesen Text lesen. Es ist ihm, in seiner Sprache gesagt, «scheissegal», was andere von ihm halten. Doch wer verstehen will, woher die angesagteste Jugendkultur des Landes kommt, der landet am Ende immer bei EKR alias Thomas Bollinger, 1970 geboren in Baden AG, Sohn der Zürcher Langstrasse, König des Mundart-Rap. Und wer wissen will, wohin Schweizer Rap noch gehen kann, der kommt auch nicht an seinem neuen Album «MissTape» vorbei.

Der Solothurner Rapper Manillio, der Ende April mit seinem Album «Kryptonit» auf Platz eins der Schweizer Album-Charts einstieg, hat sich als Minderjähriger in EKR-Konzerte geschmuggelt und nennt ihn seinen «Fixstern». Luc von Lo&Leduc nennt ihn den «King», der auch 2016 nichts von seiner «Dringlichkeit, Hässigkeit und Aktualität» eingebüsst habe. Für Greis ist er schlicht der «Anhaltspunkt für Mundart-Rap». Der Künstler, dessen Name für «Ein König regiert» steht, gründete 1988 eines der ersten Graffiti-Magazine (14k) Europas mit, brachte 1995 das Schweizerdeutsche Rap-Album heraus («E.K.R.»), das bis heute als Ausgangspunkt für alle späteren Platten dieses Genres gilt. Mit anderen Worten: EKR hat die Eizelle befruchtet, aus der in der Schweiz Hip-Hop entstand. In der Szene wird EKR vergöttert, ausserhalb ist er weitgehend unbekannt.

Bollinger sitzt in einem Café im Zürcher HB und ist aufrichtig freundlich. Er bedankt sich für das überbrachte Lob. Aber es kümmert ihn, wenn dann nur am Rand, weil es ihn eben auch nicht interessiert, was die Szene von ihm hält. Er sagt: «Ich will kein Spiegelbild dieser Szene sein.» Ist er auch nicht. Die Szene ist ein Spiegelbild von EKR.

Zukunft und Gegenwart

Hip-Hop ist vernarrt in seine Urväter. In den USA huldigen sie Kool DJ Herc und Grandmaster Flash. In Frankreich den Urgesteinen NTM. In Deutschland dem Rapper Torch. Künstler, hochgeachtet für ihre Pionierarbeit, aber auch Relikte der Vergangenheit, die längst keine Musik mehr oder immer noch dieselbe wie vor 20 Jahren machen. Ausgestopfte Dinosaurier. EKR dagegen ist in der Schweiz Vergangenheit und Zukunft zugleich.

Seit gestern ist sein neustes Album «MissTape» erhältlich. Es ist die musikalische Innovation eines 46-Jährigen in einem Genre, in dem schon 30-Jährige als alt gelten: 22 Songs über die Liebe in allen ihren Variationen. Frische Liebe, vergangene Liebe, kalte Liebe, enttäuschte Liebe, dreckige Liebe. Den grössten Teil der Songs hat EKR selbst produziert und die klingen gleichzeitig klassisch und trotzdem nach 2016.

Verkaufen wird sich das Album kaum. EKR ist viel zu kantig, viel zu unpoliert, als dass er kommerziell in der Schweiz erfolgreich sein könnte. Er sagt: «Ich stehe auf Fehler.» Sein Stil lebt von der Direktheit, nicht von der Perfektion. Und davon hat es auf «MissTape» wahrlich genug. Wieder einmal hat EKR etwas erschaffen, was es so zuvor noch nicht gab. Man kann jede Spielart des hiesigen Rap nehmen; Bollinger hat sie geprägt. Kommerziellen Erfolg hatten dann andere, das Fundament legte EKR.

Zwar war auch EKR in den Nuller-
Jahren einmal beim globalen Musikkonzern EMI unter Vertrag. In einer Zeit, in der die Plattenfirmen noch im Geld schwammen, spielte er eine Adaption
des Polo-Hofer-Klassikers «Kiosk» ein und fühlte sich fremd. «Ich wurde für Videoclips mit Kameras gefilmt, die Hunderttausende von Franken kosteten, und
musste danach im Tram trotzdem ohne Billett heimfahren», sagt Bollinger. Das Geld war nah, aber nie im Bollingers Tasche. Deshalb blieb er der Erzähler der düsteren Geschichten aus Zürichs dreckigen Hinterhöfen und Seitengassen. Raps Charles Dickens. Der König des Schweizer Hip-Hop.

MissTape EKR, Familiebetrieb Musig, 2016 Erhältlich auf iTunes und Igroove.
EKR (DJ-Set) am 3. Juni in der Kiste, Baden.