Der Architekt, der kein Star sein will

Und jetzt das Ensemble!!! Drei Ausrufezeichen verstärken den Titel des Schweizer Beitrags an der diesjährigen Biennale. Es sei absichtlich ironisch, ein erzieherischer Zeigefinger sozusagen, sagt Miroslav Šik.

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Miroslav Sik bespielt den Schweizer Pavillon an der Biennale in Venedig. (Bild: Keystone)

Miroslav Sik bespielt den Schweizer Pavillon an der Biennale in Venedig. (Bild: Keystone)

Und jetzt das Ensemble!!! Drei Ausrufezeichen verstärken den Titel des Schweizer Beitrags an der diesjährigen Biennale. Es sei absichtlich ironisch, ein erzieherischer Zeigefinger sozusagen, sagt Miroslav Šik. Der Schweizer Architekt mit Prager Wurzeln hält wenig von Architekten, die «ganz besondere, wunderschöne Event-Objekte» bauen. «Wir versuchen das zu kritisieren», sagte er jüngst im Interview mit DRS 2. Mit «wir» meint er sich selbst und die Architekturbüros Miller/Maranta aus Basel und Knapkiewicz/Fickert aus Zürich. Šik wurde von der Kulturstiftung ProHelvetia ausgewählt.

Weil für ihn von Anfang an klar war, dass es keine One-Man-Show sein kann, lud er Kollegen ein, die ein ähnliches Verständnis für Architektur haben. Zusammen gestalteten sie im Schweizer Pavillon ein gigantisches Panoramabild von 60 Meter Länge. Aus 50 Gebäuden entstand ein ruhiges Stadtbild. «So unterschiedlich die Architektur der drei Büros auch ist, so spannend ist es, dass sie sich trotzdem zu diesem Ensemble zusammenschliessen», sagt der 59-Jährige.

Sowohl-als-auch als Leitmotiv

Zwischen Alt und Neu, Askese und Luxus, Erfahrung und Innovation – der Mittelweg prägt seine Arbeiten stark. «Dieses Sowohl-als-auch habe ich als Kind immer wieder gehört», sagt der ETH-Professor. So suchte sein Vater seinerzeit einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Als Sohn des tschechischen Reformpolitikers Ota Šik, der später an der Universität St. Gallen als Professor arbeitete, kam Miroslav am 7. März 1953 in Prag zur Welt. Nach dem Scheitern des Prager Frühlings emigrierte die Familie 1968 in die Schweiz. In Basel besuchte der junge Šik das Gymnasium und entschied sich später für ein Architektur-Studium an der ETH in Zürich. Ganz klischeehaft, sei der Entscheid gewesen. «Der Bub kann Zeichnen und ist gut in Mathematik», beschreibt er.

Durch seinen Professor, den italienischen Architekten Aldo Rossi, habe er zum erstenmal verstanden, was Architektur wirklich sei. Die Nachahmung seines Stils brachte den jungen Mann zu Raum, Textur und Lichtführung. 1983 trat er die Stelle als Assistent bei Fabio Reinhard an. «Ich war noch ein Niemand, aber ein engagierter und tüchtiger Niemand», sagt Šik. In dieser Zeit entwickelte er Aldo Rossis Begriff der Analogen Architektur weiter. Neue Gebäude sollen auf das Bestehende Rücksicht nehmen, sich einpassen und darauf reagieren. Frei nach der Formel: Analoge Architektur = Integration + Verfremdung.

Mit seinen Studenten fertigte er grossformatige Zeichnungen an. Es waren nicht viele, vielleicht 23 Arbeiten. «Aber sie waren schon so anders, dass sie für eine Ausstellung in Zürich und später für 15 oder 16 in ganz Europa gereicht haben», sagt Šik. Die Ausstellung 1987 verblüffte Kollegen und begeisterte die Fachwelt.

Nicht wie Herzog und de Meuron

Im gleichen Jahr eröffnete er sein eigenes Büro in Zürich. Zwischen 2006 und 2008 entstand so die Zentrumsüberbauung in Haldenstein nahe Chur. Es ist nicht zu Vergleichen mit den waghalsigen Bauten von Herzog und de Meuron oder den skulpturalen Entwürfen von Santiago Calatrava. Es ist ein schlichter Betonbau, der das Dorfbild vervollständigt, aber nicht stört. «Das Ensemble entwerfen heisst nicht, dass jeder aus seinem Entwurf das Zentrum der Welt macht.» Seinen Studenten geht er als starkes Vorbild voraus.

Raya Badraun