Der Angst ins Auge blicken

Mit den Briten Andy Stott und Raime kommen gleich zwei Erneuerer der elektronischen Musik ins Palace. Und treiben den Zuschauern die Angst aus.

Georg Gatsas
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Wie in Zeitlupe: Andy Stott. (Bild: pd)

Wie in Zeitlupe: Andy Stott. (Bild: pd)

Der Club ist in spärliches Blaulicht gehüllt, unterbrochen von dunkelroten Sequenzen. Man wähnt sich in einem latent schizoiden Zustand zwischen physisch erfahrbarer Bassgewalt und hypnotisch leichtfüssigem Driften: Stark verhallte dumpfe Beats winden sich um mächtige Sub-Bass-Wellen. Man wird zu Boden gedrückt, Orientierungslosigkeit setzt ein. Den Dancefloor hat man schon längst verlassen, stattdessen findet man sich in einer eiskalten Industrieruine wieder. Betongrau bis rostbraun flackern die technoiden Versatzstücke auf den düsteren Gang hinaus, finstere Zeiten sind angebrochen.

Im Zustand des Zerfalls

Zwei Drittel der wöchentlich stattfindenden «Boiler Room Show» sind bereits vergangen, es ist Dienstagabend im hippen Londoner Stadtteil Hackney. Draussen lungern an diesem halbwegs milden Augustabend reichlich Leute auf den Strassen und in den Pubs herum, die es nicht im mindesten interessiert, dass gerade einer der wichtigsten Produzenten und Erneuerer der elektronischen Musik hier hinter versteckten Türen sein neues Album «Luxury Problems» vorstellt.

Andy Stott nickt, im Halb- bis Ganzdunkel stehend, wie in Zeitlupe über seinen Geräten, während er die Sounds durch seine Maschinen jagt. Überall schleift es und rauscht es, klare Melodien bleiben im Mix aus. Stattdessen werden dunkle Klänge wiederholt, überlagert und zur Unkenntlichkeit zersetzt, die zumeist nur durch einen treibenden Beat zusammengehalten werden. Wenn Stott sich und den Hörer in Trance spielt, dann ist er höchstens der hyperminimalistischen Beatlehre von Hall und Rauschen verpflichtet, sie bilden das verrostete Fundament von seinen Soundbruchstücken. Bei solch offenen Zugängen vermag er deshalb wie kein anderer die Grundstimmung der Jetzt-Zeit einzufangen, seine Musik ist auch gleich der Sound der Gegenwart, Dub-Techno im Zustand des Zerfalls, Industrialmusik des Jahres 2012.

Kalte Maschinengeräusche

Unter diesen Umständen hat der aus Manchester stammende Produzent und DJ im vergangenen Jahr mit «Passed Me By» und «We Stay Together» zwei wegweisende EPs veröffentlicht, Dokumente der Angst und des Schreckens, die einen Brückenschlag zum Londoner Label Blackest Ever Black machen.

Darauf vertreten ist das Duo Raime, das ebenfalls in den dunklen Ecken der Musikgeschichte bohrt, die Zerfurchungen der Seele in kalte Maschinengeräusche übersetzt oder auch der Angst dieser Tage furchtlos in die Augen blickt. Nirgends könnte man dies besser tun als im Palace, wo beide Parteien auf ihren Touren zusammen kommen werden.

Morgen Sa, Palace, 22 Uhr

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