Der Alpstein liegt in Amerika

Der Fotograf Ueli Alder stilisiert sich in seinen Bildern auch als Geschichtenerzähler. «Once upon a time» heisst seine dritte Einzelausstellung in der Galerie Paul Hafner. Beeindruckend ist Alders Umgang mit alten Fototechniken.

Martin Preisser
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Der Künstler in Chicago: Ueli Alder vor einem inszenierten Selbstporträt. (Bild: Urs Bucher)

Der Künstler in Chicago: Ueli Alder vor einem inszenierten Selbstporträt. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. «Longhorn» heisst eine Fotografie, eine Kallitypie auf Inkjet-Papier. Grasen diese Rinder mit ihren enormen Hörnern wirklich auf den Wiesen vor dem Alpstein? Und warum erinnern die Berge im Hintergrund auf der Arbeit «White Springs» mit Hüttchen in der amerikanischen Prärie ans Säntismassiv?

Ueli Alder, gebürtig aus Urnäsch, treibt ein auch technisch feinsinniges Spiel mit Realität und Fiktion. Hier passt zusammen, was nicht zusammengehört. Eindrücke aus Amerika und Blicke auf den Alpstein. Augenscheinlich haben Ueli Alder die Impressionen eines Amerika-Aufenthalts (er war von 2010 bis 2012 zu einem Aufbaustudium Fotografie in Chicago) stark beschäftigt. Er montiert diese Eindrücke mit der Erinnerung an die kleine Heimat Appenzell.

Gebrochene Realität

Platin-Print, Baryt-Print, Cyanotypie, Pigment-Print – Ueli Alder benutzt alte Fotografier- und Entwicklungstechniken und verlagert so seine Geschichten in eine längst vergangene Zeit. Da zeigt sich der Künstler selbst als Lehrer in einer alten Schule oder auf stummen kleinen Porträts, so als würde er in einem Album mit Bildern seiner Ahnen blättern.

Hinter der manchmal mit verstecktem Witz gebrochenen Realität steht ein Künstler, der vor allem mit technisch astreinen Foto-Kunstwerken aufwartet und ein genaues Spiel mit Motivmischungen und Bildaufbauten treibt. Ueli Alder ist das dritte Mal mit einer Einzelausstellung in der Galerie Paul Hafner präsent und überzeugt in den Stille und Ruhe ausstrahlenden, manchmal museal wirkenden Arbeiten mit einem eigenständigen Beitrag zum Thema Landschaftsfotografie und Selbstporträt.

Vieles, was auf den ersten Blick historisch dokumentierend wirkt, ist in Wirklichkeit ein geschicktes Spiel mit ineinander verwobenen Geschichten, mit gegenwärtigen und erinnerten. Aus einem alten Archiv ausgegraben scheinen die beiden Arbeiten «Compagnie 1861» und doch sind sie als Unikate auf Baryt-Print aktuelle Bilder des diesjährigen Biedermeierfests in Heiden.

Inszenierte Wirklichkeit

Die Verhaftung in der eigenen kleinen Welt der Herkunft und der Blick des Künstlers in der grossen weiten Welt. Vielleicht empfindet das Ueli Alder, der dieses Jahr einen Förderpreis der Internationalen Bodensee-Konferenz erhalten hat, als fast janusköpfige eigene Erfahrung. Auf einem Bild zeigt er sich denn auch als Brüderpaar.

Aufschlussreich für die ganze Ausstellung ist das grosse Startbild, das den Künstler in seiner Chicagoer Wohnung zeigt. Mit der grossen bekannten Marlboro-Werbung als Hintergrund sieht man Alder mit abwesendem Blick und leicht unscharf als lesenden Tellerwäscher – Abbild eines Künstlers in einer inszenierten neuen Wirklichkeit. Und – fast schamhaft versteckt – man entdeckt im Hintergrund die Fahne von Appenzell Ausserrhoden und ein Gilet der Appenzeller Tracht. Der prägende Alpstein und der weite Horizont der Welt um ihn herum – in dieses Spannungsfeld hat sich Ueli Alder mit überraschender Bildsprache begeben. Und dass auch der imposante Säntis nicht das ist, was er auf einem scheinbar dokumentarischen Foto zu sein scheint, merkt man erst beim zweiten Hinschauen: Dieser Säntis hat keinen Turm und keine Seilbahngebäude auf dem Gipfel.

Bis 24. Januar. Mi–Fr 14–18, Sa 11–17 Uhr, Davidstrasse 40; www.paulhafner.ch