Der Akrobat

HÖRBAR JAZZ Das Spiel des hypervirtuosen Saxophonisten Chris Potter ist manchmal tatsächlich fast so durchdringend wie eine Feuerwehrsirene. Sein neues Album, mit dem er den Einstand bei ECM gibt, heisst nicht deswegen «The Sirens».

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HÖRBAR JAZZ

Das Spiel des hypervirtuosen Saxophonisten Chris Potter ist manchmal tatsächlich fast so durchdringend wie eine Feuerwehrsirene. Sein neues Album, mit dem er den Einstand bei ECM gibt, heisst nicht deswegen «The Sirens». Die Titel auf der CD beziehen sich auf Homers «Odyssee». Kenntnisse der griechischen Mythologie sind nicht vonnöten, um von den suggestiven Spannungsbögen und der weit gespannten Emotionalität mitgerissen zu werden. Die Entourage von Überflieger Potter ist handverlesen. So sind mit Craig Taborn und David Virelles gleich zwei Tastenmagier mit von der Partie – bedauerlicherweise wird das Potenzial dieser Kombination nur ansatzweise ausgelotet.

Chris Potter, «The Sirens», ECM 2258

Der Schamane

Im Gegensatz zum Präzisionsarbeiter Potter ist Charles Lloyd ein «Schmierfink»: Unsaubere Glissandi sind aus seinen frei flottierenden Improvisationen auf Saxophon und Flöte nicht wegzudenken. Lloyd ist seit der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre eine feste Grösse des Flower-Power-Jazz. Nun legt er mit dem Pianisten seines Quartetts, Jason Moran, ein Duo-Album vor, das von Demut und Anmut gekennzeichnet ist und auf dem sich lyrische Abgeklärtheit und subversive Subtilität wunderbar die Waage halten. Das Repertoire reicht von Duke Ellington und Earl Hines bis zu Bob Dylan und Brian Wilson; in der 5teiligen «Hagar's Suite» verbeugt sich Lloyd vor seinen Ahnen.

Charles Lloyd / Jason Moran, «Hagar's Song», ECM 2311

Der Melancholiker

Er hat keine Angst vor Abgründen: Melancholisch-grüblerische, tiefdunkle Balladen sind ein fester Bestandteil des Seelensezierer-Jazz des polnischen Trompeters Tomasz Stanko. Stanko lässt sein Instrument aber nicht nur seufzen und schreien, er kann auch euphorisch jubilieren. Seine sublime Doppel-CD ist der 2012 verstorbenen Dichterin Wislawa Szymborska gewidmet und wurde mit den hellhörigen Ausnahmemusikern David Virelles (Piano), Thomas Morgan (Bass) und Gerald Cleaver (Schlagzeug) eingespielt.

Tomasz Stanko New York Quartet, «Wislawa», ECM 2304/05

Tom Gsteiger

2304/05 X

2304/05 X

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