Der 3¹/2-Minuten-Mann

Dieter Falk produziert Popgrössen wie Pur, Monrose und Paul Young; er arrangiert, komponiert Schlager, geht mit seinen Söhnen auf «Celebrate Bach»-Tournée. Studiert hat er Schul- und Kirchenmusik. Seine aktuelle Mission aber ist das Musical Moses in St. Gallen. Bettina Kugler

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Dieter Falk zieht für Stars musikalisch die Fäden – «aber als Solist bin ich gerne auch mal die Rampensau», sagt er. (Bild: Urs Jaudas)

Dieter Falk zieht für Stars musikalisch die Fäden – «aber als Solist bin ich gerne auch mal die Rampensau», sagt er. (Bild: Urs Jaudas)

Die beste Dieter-Falk-Story hätte er glatt vergessen. Gerade rechtzeitig, beim herzlichen Händeschütteln, fällt das Stichwort; da ist er schon auf dem Sprung zum Fotoshooting. «Apropos Orgel», sagt er lachend, in seinem wieselflinken, westfälisch geschliffenen Hochdeutsch, «da wurde ich gleich nach dem ersten Versuch vor die Tür gesetzt. Ganz allein am Spieltisch, keine Menschenseele in der Kirche – das schrie nach Rock ' n ' Roll. Keine zwei Minuten, und der Mesner hatte mich am Wickel.»

In den Siebzigern war das, peu à peu hielten damals Gospel und Sakropop Einzug im Gottesdienst. Mit seinem Bruder stellte er einen Gospelchor auf die Beine, machte dem Kirchenchor der Mutter Konkurrenz. Später studierte Dieter Falk in Köln Kirchenmusik, wenn auch nicht mit der ernsthaften Absicht, anschliessend Organist und Chorleiter zu werden. Immer nur «Jesu bleibet meine Freude» oder «Geh aus, mein Herz» – das wäre ihm auf Dauer wohl langweilig geworden.

In der Showfabrik

Zu tief steckte er von Anfang an im Showbusiness. Das Studium finanzierte er mit Auftritten als Keyboarder und als Begleiter von Pop-Acts. Er wurde Produzent der deutschen Popband Pur, landete mit ihr Hits wie «Abenteuerland» – Millionenseller.

Ein Tausendsassa: das Wort passt zu Dieter Falk. Mal tritt er dezent in den Hintergrund, zieht für andere die Fäden. Dann dreht er wieder auf, macht mit den Söhnen Max und Paul Musik, spürt seinen musikalischen Wurzeln nach. «Als Solist bin ich gerne auch mal die Rampensau», sagt er. Das nimmt ihm man ab, sogar auf dem billigen Plastikstuhl in verschossenem Orange, auf dem er sich gerade so bequem wie möglich zurücklehnt. Oder munter herumturnt, wenn ihm eine Frage gefällt. Wo Show und Glamour produziert werden, muss es nicht danach aussehen.

«Moses ist sexy»

Pause auf der Probebühne an der Dürrenmattstrasse. Scheinwerfer, Mischpulte und Mikros sind abgeschaltet, der mächtige Bariton von Musicalstar Thomas Borchert, eben noch bis auf die Strasse zu hören, wird gerade geschont. «Moses ist sexy», behauptet Dieter Falk; auch eine Lovestory stecke darin, Feindschaft zwischen Männern aus dem selben Lager. Musikalisch wird es zur Sache gehen; Gospel sei schliesslich «der Musikstil der Befreiung», die religiöse Variante von Soul und Rhythm and Blues. Falks Lieblingssong aber heisst «Liebe ist das Gebot».

Die Kirche war seine erste Bühne, doch missionieren will er mit «Moses» nicht. Er trennt Showbusiness und persönliche Werte; er hat für Kirchentage komponiert, aber auch für den Fernsehsender Pro7 Popstars gecastet. Bohrt man ein wenig nach, stösst man dann aber doch auf etwas wie eine musikalische Mission. Entdeckt Alben wie «A Tribute to Paul Gerhardt», dem Grand Old Man des evangelischen Kirchengesangbuchs gewidmet, oder «Falk & Sons Celebrate Bach»: eine zeitgemässe Fortführung von Jacques Loussiers bravem «Play Bach». Fürs Sonntagsfrühstück nicht mehr ganz so gut geeignet.

Auch Volkslieder hat Falk in poppig-souliger Spielart neu unters Volk gebracht, dezent mit Jazz gemixt. Weil es schade um die Musik wäre. Frischen Wind findet er wohltuend, ob in der Kirche oder auf Festwiesen.

Das Publikum mitnehmen

«Moses» soll Power haben, kein Bibelkitsch, sondern ein flottes Musical sein – ohne das ältere Publikum zu vergraulen. Diesen Spagat ist Dieter Falk als U-Musiker gewohnt. Er spricht vom «breiten Range», den er selbst braucht, zu deutsch: eine grosse Bandbreite.

Man hörte es, als er vor einer Weile Gast im Radio war: Eine Stunde lang legte er an einem Samstagvormittag in der Sendung «Klassik, Pop etcetera» im Deutschlandfunk nach Lust und Laune Lieblingsmusik auf. Natürlich war von allem etwas dabei: Bach, Soul, eigene Songs. «Über die Einladung habe ich mich riesig gefreut», erzählt er. «Es ist unglaublich, wie oft ich auf dieses Sendung angesprochen werde.»

Dreissig Jahre im Geschäft

«Range» ist aber auch ein musikalischer Fachbegriff, bedeutet Tonumfang, Stimmumfang. Oder allgemeiner: Reichweite. Die haben seine Songs zweifellos. Dreissig Jahre ist er inzwischen im Geschäft, das verraten die Namen der Künstler, an deren Erfolg er mitgebastelt hat: Gitte, Katja Ebstein, Country-Sänger Kenny Rogers, Karel Gott, Nana Mouskouri. «Ich bin der Mann für Dreieinhalb-Minuten-Hits», sagt Falk über sein Markenzeichen. Ein Zweites ist seine Lust auf Abwechslung. Stichwort «range».

Hin und wieder Tapetenwechsel, so bleibt er jung, so bleibt der grosse Zeh beweglich. Auf den nämlich komme es an bei einem Song, sagt er. Wenn sich der Zeh eines Zuhörers nach ein paar Takten rührt, hat Dieter Falk seinen Job gut gemacht. Wenn ich den Song spätestens beim zweiten Mal mitsingen kann und auf dem Heimweg summe, ist ihm ein «Singalong» geglückt. Davon soll es in «Moses» möglichst viele geben.

Melodien für Chor-Massen

Die Feuerprobe hat das Musical in dieser Hinsicht schon hinter sich. Der etwas mehr als zweistündigen Musiktheater-Version, die Martin Duncan in St. Gallen inszeniert, ist 2010 das Rock-Oratorium «Die 10 Gebote» mit Texten von Michael Kunze und Musik von Dieter Falk vorausgegangen: ein rekordverdächtiger Auftritt in der Dortmunder Westfalenhalle, im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr, mit insgesamt über 15 000 Chorsängern – vom zehnjährigen Knabensopran bis zur Oma mit Rollator. «Da braucht man vor allem lange Arme beim Dirigieren.» Falk lacht wieder schelmisch.

Man merkt es: Er macht einfach gern Musik. «Ein charismatischer Chorleiter kann viel bewegen; kaum etwas stiftet so zuverlässig Gemeinschaft wie das Singen.» Das allerdings meint er dann doch von Herzen ernst.