Slapstick am Theater Konstanz: «Denn die Götter sind am Ende»

Das Stadttheater Konstanz bringt mit viel Klamauk «Die Vögel» von Aristophanes auf die Bühne. Ingo Putz inszeniert die griechische Komödie weit weg von der Urfassung mit Slapstick-, Sex- und Gewaltszenen.

Markus Wigert
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Sepp Klein mit dem Theater-Kidsclub. (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Sepp Klein mit dem Theater-Kidsclub. (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Die Premiere beginnt mit harmlosem Vogelgezwitscher. Der Auftritt der beiden verstossenen Athener Peisthetairos und Euelpides artet dann aber sehr schnell aus in eine happige Publikumsbeschimpfung: «Ihr Geier da unten, ich muss gleich kotzen, wenn ich euch sehe.» Wahrlich eine nette Begrüssung. Sie zeigt den abgrundtiefen Hass der beiden Ausgestossenen auf die Athener. Scheinheiligkeit, Geldgier und Doppelzüngigkeit werfen sie ihnen vor. Ein nicht ganz unbekannter Vorwurf, wenn von der politischen Elite die Rede ist.

Die beiden Verstossenen fliehen aus der Stadt und landen im Palast des Vogelkönigs Wiedehopf. Dort werden sie mit dem Tod bedroht und greifen in der Not zu einer List: Sie seien selber Vögel, die sich in der Mauser befänden und deshalb keine Federn mehr hätten. Mit Überredungskunst und schlauer Manipulation bringen sie die Gründung einer neuen Stadt zwischen Himmel und Erde ins Spiel, in welcher auch ihr Überleben garantiert wäre.

Gründung der Stadt Wolkenkuckucksheim

Nach langem Hin und Her beschliesst das Vogelparlament, auf die Vorschläge der populistischen Verführer einzugehen und die Stadt Wolkenkuckucksheim zu gründen mit dem Ziel, den Austausch zwischen Menschen und Göttern zu kontrollieren und diese auszuhungern (Internetüberwachung lässt grüssen). Die blockierten und ausgehungerten Götter schicken eine Verhandlungsdelegation ins Vogelreich. Die Lage eskaliert. Zwölf Hühner werden als Bauernopfer am Bratspiess hingerichtet, und die beiden populistischen Athener übernehmen die Macht über Wolkenkuckucksheim und damit über die Welt.

Das Vogelreich im Bällelibad. (Foto: Ilja Mess)

Das Vogelreich im Bällelibad. (Foto: Ilja Mess)

Die uralte Komödie zeigt den beissenden Spott und die kritische Haltung des Atheners Aristophanes (450–380 v. Chr.) gegenüber seiner Geburtsstadt und den politisch Handelnden. Ensemblemitglieder und jugendliche Laiendarsteller interpretieren den Stoff neu als brandaktuel­le Politsatire über populistische Beeinflussung der unbedarften Massen zum Schaden ihrer selbst. In unserer Zeit des Wiederaufkommens autoritärer Regime und des Widerstands einer klimabewussten Jugend hat sich der Regisseur Ingo Putz entschieden, die Vögel mit Jugendlichen aus Konstanz zu besetzen. Sicher eine gute Idee. Die Umsetzung allerdings kommt etwas gar slapstickartig und mit allzu viel Klamauk daher. Da wird das Vogelreich mit einem Bassin voller Gummibälle präsentiert, wo hemmungslos herumgeplanscht und Schabernack getrieben wird. Harmlose Popsongs werden von den Vögeln geträllert und putzige Choreografien geboten. Etwas gar viel Zuckerguss für einen so ernsten Stoff.

«Das geht dich ein Scheissdreck an»

Sylvana Schneider und Sepp Klein geben die Protagonisten als dauerfrustrierte und herumschreiende Zyniker, aber auch als hinterhältige und mit allen Wassern gewaschene Vogelverführer.

Sylvana Schneider und Sepp Klein. (Foto: Ilja Mess)

Sylvana Schneider und Sepp Klein. (Foto: Ilja Mess)

Leise Dialoge auf Augenhöhe sind von der Regie nicht vorgesehen. Zwischen obristenhaftem Befehlston und hysterischem Geschrei bewegt sich die Lautstärke von «Dasgehtdicheinscheiss­dreckan» und «Fickdichinsknie», wie Peisthetairos und ­Euelpides in der Konstanzer Adaptation heissen. Die Protestnoten klingen dann so: «Wir Vögel sind die wahren Götter!» Da wird von einem vertriebenen Athener auch mal der Hitlergruss gemacht. Sexuelle Anspielungen mit dem obligaten Griff an die Genitalien werden bis zum Überdruss zelebriert. Bis zum Monströsen und Ekelhaften wird der Spielraum ausgereizt. Das mag gefallen oder auch nicht. Die Frage aber, ob die Inszenierung ihrem eigenen Anspruch gerecht wird, soll hier gestellt werden dürfen. Die Antwort wird unterschiedlich ausfallen. Ein schaler Nachgeschmack beim Schreibenden bleibt unzweifelhaft zurück.

Hinweis
bis 24.7. Stadtheater Konstanz

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