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DENKMALPFLEGE: Geliebter Brutalismus

Die geplante Erweiterung des Theaters St. Gallen wird für Laien kaum erkennbar sein. Das wäre vor 20 Jahren nicht möglich gewesen. Damals sollten sich Alt und Neu möglichst stark unterscheiden.
Christina Genova
Die Visualisierung zeigt, wie die geplante Erweiterung rechts nahtlos in den Altbau übergeht. (Bild: PD)

Die Visualisierung zeigt, wie die geplante Erweiterung rechts nahtlos in den Altbau übergeht. (Bild: PD)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

In der Diskussion um die Er­neuerung und den Umbau des ­Theaters St. Gallen gibt es einen Aspekt, der bisher kaum zur ­Sprache kam. Das 50-jährige Gebäude wird nämlich nicht nur saniert, sondern auch um 750 Quadratmeter erweitert, sollte die Vorlage am 4. März angenommen werden. Ein Anbau ist im Bereich der Kasse vorgesehen. Dadurch entsteht in den oberen Geschossen mehr Raum für Künstlergarderoben und Maske. Das Untergeschoss wird nach Westen erweitert. Dort gibt es Platz für die Beleuchtungs- und Requisitenwerkstatt.

Bemerkenswert ist, dass der Anbau derart gut an den Altbau angepasst ist, dass Michael Niedermann, Leiter des Amts für Denkmalpflege des Kantons St. Gallen, sagt: «Ein Laie wird die Erweiterung kaum wahrnehmen.» Nach längerem Abwägen habe man sich dazu entschlossen, die Sprache des Architekten Claude Paillard wieder aufzunehmen und in seinem Sinne weiterzuentwickeln.

Gesamtkunstwerk nicht gefährden

«Vor zwanzig Jahren wäre das nicht möglich gewesen», sagt Dieter Schnell, Leiter des Nachdiplomstudiums für Denkmalpflege und Umnutzung an der Berner Fachhochschule. Denn damals galt unter Architekten und in der Denkmalpflege noch die sogenannte «Kontrastdok­trin». Diese besagt, dass sich ein Anbau deutlich vom Altbau abheben muss, etwa indem man zeitgenössische Materialien, Formen und Techniken verwendet. Eine Anpassung an das Vorhandene empfand man als Anbiederung. Festgehalten worden war diese Doktrin 1964 in der Charta von Venedig, der «Bibel» der Denkmalpflege. Noch vor zehn Jahren hätten alle von der Fuge gesprochen, die man zwischen Alt und Neu einbauen müsse, sagt Niklaus Ledergerber, Leiter der Denkmalpflege der Stadt St. Gallen. Zwar ist auch beim St. Galler Theater eine Fuge vorgesehen, die jedoch so subtil sein wird, dass nur ein Fachmann sie erkennt. «Heute ist man freier», sagt Ledergerber, der mit Michael Niedermann den Architekten Gähler und Flühler bei der Planung beratend zur Seite stand. Das Gesamtkunstwerk, das man erhalten wolle, stehe im Vordergrund. Man wolle es nicht durch einen völlig anders gestalteten Anbau gefährden.

Auch Dieter Schnell stellt fest, dass in den letzten Jahren eine Entkrampfung stattgefunden habe. Architekten und Denkmalpfleger handelten heute von Fall zu Fall aus, wie stark der Anbau sich abheben müsse. Die entscheidende Frage sei, ob für die Integrität des Denkmals ein möglichst grosser Kontrast zwingend notwendig sei. Auch in St. Gallen habe man sich, so Michael Niedermann, gefragt: Darf man den denkmalgeschützten skulptural ausgefeilten Theaterbau einfach weiterbauen? In gewissem Sinne sei dies ja eine Geschichtsverfälschung. Mehrere Gründe gaben den Ausschlag, die Frage mit Ja zu beantworten. Erstens sei das Projekt von seinen Verfassern rollend weiterentwickelt worden. Zweitens sei es eine im Verhältnis zum gesamten Volumen kleine Erweiterung; bei einem grösseren Anbau hätte man wohl anders vorgehen müssen. Drittens wäre ein separater, formal ab­gesetzter Anbau ein erheblicher Störfaktor. Niklaus Ledergerber gibt zu bedenken, dass bei Nachkriegsbauten nicht nur die Form ihrer Ergänzung diskutiert werde: «Auch die Frage der Renovation ist ein grosses Thema.» Zum Beispiel der Umgang mit Hängefassaden oder Beton.

«Schmerzlos dran, schmerzlos weg»

Dieter Schnell begrüsst zwar die in den letzten Jahren erfolgte Abkehr von der Kontrastideologie. Die Gefahren, die dadurch für Denkmäler entstehen könnten, schätzt er als gering ein. Hingegen befürchtet er das Abdriften in eine gewisse Beliebigkeit. Denn das Hauptkriterium, von der Doktrin des Kontrasts abzurücken, sei für den Architekten, ob er mit dem Baustil des Altbaus etwas anfangen könne. So er­staune es ihn nicht, dass man sich beim Theater St. Gallen für eine Übernahme der Architektur­sprache von damals entschieden habe: «Brutalismus ist bei den Architekten gerade sehr in Mode.» Der Baustil der 1960er- Jahre ist begrifflich abgeleitet vom französischen «béton brut», was Sichtbeton bedeutet, das bevorzugte Baumaterial der Zeit.

Dieter Schnell ist skeptisch, wie lange die neue Haltung der Anpassung noch gelten werde. Er ist sich nicht sicher, ob es sich um eine schnelllebige Mode oder einen tiefgreifenden Gesinnungswandel handle: «Unsere Zeit ist innovations- und kreativitätsgierig.» Zwei gute alte Grundsätze der Denkmalpflege gelten jedoch nach wie vor: Ein Fachmann müsse bei einem Gebäude erkennen können, was alt sei und was neu. Und der Anbau sollte reversibel sein – gemäss der Formel: «Schmerzlos dran, schmerzlos weg».

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