Denken mit dem Ohrläppchen

Martin Preisser
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Kunst-Felder Ein Boden voller Cornflakes und Maissiloballen im Freien: Die Künstlerin Lara Russi taucht in der Kunsthalle Wil in den nie versiegenden Strom von Waren ein. Und sie schärft den Blick aufs Alltägliche.

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

360 Kilogramm Cornflakes hat Lara Russi im Obergeschoss der Kunsthalle verstreut. Den Boden «flaken», nennt sie das. Betreten darf man die «Flake Floors» nur barfuss oder in Socken. Für tausend Franken hat die Zürcher Künstlerin bei der Migros Wil eingekauft. Seitdem bekommt die Filiale viel mehr Cornflakes angeliefert, als sie braucht. Die Warenflüsse beim Grossisten sind automatisiert, und durch den Einkauf der Künstlerin ist der von der Zentrale berechnete Wiler Durchschnittsverbrauch von Cornflakes kräftig angestiegen.

Damit ist man in der Kunsthalle Wil bereits beim ersten Aspekt der Aktion «Fields». Das Cornflakes-Feld löst Assoziationen an die riesigen Warenströme aus, die den Alltag beherrschen. Die Pappkartons hat Lara Russi von oben ins Erdgeschoss der Kunsthalle geworfen, wo sie sich auftürmen. Aus den Cornflakestüten sind grosse Schlangen entstanden, die zwischen den Kartons zu kriechen scheinen.

Eine ewige Hydra aus Verpackung und Müll

Material, Müll, Wohlstandsüberreste aus der Warenwelt, über die wir nicht nachdenken, bekommen im Kunstraum eine andere, vielfach aufgeladene und offen interpretierbare Bedeutung. Lara Russi gelingt es fast intuitiv, durch ihre Art der Erfassung und des Eingreifens in den Raum ­banale Gegenstände irritierend wirken zu lassen. «Hydra» heisst die Karton-Papier-Intervention nach dem antiken Schlangen­ungeheuer, dessen Arme immer nachwachsen, sobald man sie abschlägt. Ein Symbol für den überquellenden Daten- und Konsumfluss unserer Tage.

Lara Russis Arbeiten sind ein deutliches Ergebnis einer ge­nauen Auseinandersetzung mit dem Raum. Der leeren Kunsthalle Wil hat sie sich erst einmal zwei Tage ausgesetzt, hat plötzlich die Kirchenglocken nebenan gehört und die vorbeifahrenden Busse in ihre Reflexionen über die Halle integriert, bevor sie anfing, sie mit Materialien zu bespielen. Vor der Kunsthalle stehen fünf Maissiloballen. Futter fürs Vieh draussen, neben Futter für den Konsumenten drinnen. Diese Ballen wirken massig, aber sinnlich, fast so, als hätte sie die Künstlerin in einer Art Umarmung selbst geschaffen. Weich und leicht könnte man sie sich vor­stellen. Durch die winterlichen Temperaturen sind sie steinhart und jeweils eine Tonne schwer. Und sie sind verletzlich, auch wenn sie nicht so wirken. Ein Riss in der Silohaut – und sofort muss diese Wunde mit einem Tape gepflastert werden. Sonst fault die Maismasse.

Die Maisballen, genannt «White Spaces», strahlen in ihrer künstlerischen Anordnung etwas Körperliches aus. Man versteht an ihnen den Begriff «Gesamtsinnlichkeit», den Lara Russi ­ für ihre Kunst formuliert: das Ansprechen anderer Wahrnehmungskanäle durch Gegen­stän­de, die ihrem normalen Kontext entrissen sind. Den Satz von Joseph Beuys, er denke mit dem Knie, erweitert Lara Russi für sich und sagt: «Ich denke auch mit der linken Zehenspitze oder dem rechten Ohrläppchen.»

Geistige Nahrung im ­digitalen Zeitalter

Es ist jedenfalls erstaunlich, wie sich die Bedeutung der an sich banalen Gegenstände durch das offensichtlich genau reflektierte Setting im Raum verändert und zu neuen Sichtweisen einlädt. Cornflakes, Maisballen und schliesslich noch kleine Marzipan-formungen: Was Lara Russi da gelingt, hat gar nichts mit einem Kunst-Gag zu tun, sondern mit Nachdenken über Wahrnehmung. Überfluss im endlosen Fluss, und industrielle Nahrungsketten sind da nur ein Interpretationsweg. Und in dieser Zusammenführung stellt sich hier vielleicht auch die Frage nach der geistigen Nahrung im digitalen Zeitalter.

«Kunst hat für mich mit Leben zu tun. Und es ist wie ein Spiel eröffnen.» Das Kunst-Spiel schliesst Lara Russi auch wieder sauber ab. Die Cornflakes etwa werden zu Biogas und den Wilerinnen und Wilern als Energie zurückgegeben. Ein guter Kreislauf zwischen Kunst und Alltag!

Bis 12.3., Do–So 14–17 Uhr, Kunsthalle Wil, Graben- strasse 33 Künstlergespräch: Mi, 8.2., 19 Uhr, www.kunsthallewil.ch