Denken in Farbe und Form

Im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen ist eine grosse Rückblende auf das Schaffen des Malers Velimir Iliševic zu sehen. Höhepunkt ist eine ungewöhnliche Auseinandersetzung mit Hodler.

Christina Peege
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Hodlers Holzfäller ist bereits weg: «Hodlers Spiel VIII» von Velimir Iliševic. (Bild: pd/Museum Allerheiligen)

Hodlers Holzfäller ist bereits weg: «Hodlers Spiel VIII» von Velimir Iliševic. (Bild: pd/Museum Allerheiligen)

Velimir Iliševic gehört zu den bemerkenswerten Ostschweizer Malern. Der heute in Stein am Rhein lebende Autodidakt hat ein unverkennbar kraftvolles Kolorit und eine unverwechselbare Handschrift. Erfreulich ist deshalb, dass ihm in Schaffhausen eine grosse Retrospektive über 25 Jahre seines Schaffens ausgerichtet wird. Die Ausstellung mit dem Titel «Zwischen Halt und Neubeginn» zeigt über 100 Gemälde und Zeichnungen aus den Anfängen bis ins Jahr 2016. Das Museum sowie die Sturzenegger-Stiftung kauften bereits seit dem Jahr 2000 Werke an und drückten so ihre Wertschätzung für die malerische Ausdrucksweise und den sich abzeichnenden künstlerischen Weg aus.

Hat man Iliševic bislang als reflektierenden Künstler kennen gelernt, der die Gratwanderung zwischen Figuration und Abstraktion leichtfüssig, aber immer reflektiert zu gehen versteht, so verankert die aktuelle Ausstellung das Schaffen stark in seiner Biographie.

Suche nach einer neuen Ausdrucksweise

Iliševic ist der Liebe wegen in die Schweiz gekommen. Kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien folgte er seiner Frau und liess sich in Schaffhausen nieder. Seit dem Abkommen von Dayton 1995 und der Aufteilung seiner Heimat ist es eine verzwickte Sache mit seiner kulturellen Identität: Er ist Serbe, der in Kroatien geboren wurde (1965) und in Bosnien aufgewachsen ist. Die Ausstellung interpretiert sein Schaffen als Suche nach einer neuen Ausdrucksweise, ging er doch in der Schweiz seiner Muttersprache und kulturellen Identität verlustig. Doch leuchtet diese Begründung für die Kunst Iliševics wenig ein, hat er doch bereits in seiner alten Heimat als ganz junger Mann gezeichnet und gemalt, als er noch Technik studierte. Ebenso wenig ist die jüngste Zäsur – die Trennung von seiner Frau – in den Werken ablesbar. So nähert man sich Iliševic vermutlich am besten visuell, aber vorsichtig, denn der Künstler ist besessen von der Malerei. Einerseits setzt er sich mit grossen Meistern wie Vincent van Gogh oder Chaim Soutine auseinander, andererseits hat er ein scharfes Auge für die malerische und erzählerische Qualität von Dingen aus seinem Alltag.

Was der Mensch angerichtet hat

Die Serie «Hodlers Spiel» bildet denn auch den Angelpunkt der Ausstellung. Die Serie, die auf Hodlers berühmtem Holzfäller aus dem Jahr 1910 aufbaut, entstand in den Jahren 2013 bis 2015. Die von Kurator Matthias Fischer ausgewählten, grossformatigen Bilder zeigen, wie Velimir Iliševic genau hinschaut und seine Motive verarbeitet. Er malt fast immer, was der Mensch angerichtet oder hinterlassen hat. So steckt die Axt im Baumstumpf, und der Holzfäller ist weg. Dagegen stehen auch mal Schuhe da, oder man meint, Totenschädel zu erkennen, Reste eines grausamen Verbrechens? Auch dies ist typisch: Die Bilder stellen eher Fragen, als dass sie Antworten geben. Historisch Gebildete können hier auch die Auseinandersetzung mit den Greueln in den Konzentrationslagern sowohl des Zweiten Weltkrieges wie des Bürgerkrieges sehen.

Der Wechselsaal mit der Serie ist gelungen kuratiert. Skizzenblätter lassen den formativen Weg von der ersten Bildidee zum grossformatigen Bild nachvollziehen. Man erkennt die spielerische Weise, mit der er Motive benutzt, weglässt und sie ein paar Blätter später kompositorisch verwandelt wieder in ein Bild einbaut. So entfaltet sich «Holders Spiel» denn auch in vielen möglichen Geschichts- und Motivvariationen, die der Betrachter selber weiterdenken kann.

Stillstand gibt es bei ihm nicht

Die Wucht sind Velimir Iliševics Bilder ja vor allem in den kleinen Formaten. Sie gehen noch viel weiter in der Abstraktion der sichtbaren Welt als die grossformatigen Ölgemälde. Die kleinen, aus vibrierenden Pinselstrichen aufgebauten Bilder leben von einer geheimnisvollen Ausstrahlung. Sie zeugen von der inneren Bewegung des Künstlers, die nach aussen drängt und einen Ausdruck findet. Der Farbauftrag ist pastos, er wird zu einer körperlichen Geste, die sich als Farbmaterial im Raum behauptet. Wo hier Halt ist oder Neubeginn, ist kaum zu erkennen. Stillstand gibt es bei Iliševic nicht – nur Reflexion über die Welt in Farbe, Form und Format. Jedes Bild ist Neubeginn und farbliches Abenteuer, das einen neuen Denkraum erschliesst.

Bis 12. Februar 2017; zur Ausstellung ist eine Monographie zu Velimir Iliševic erschienen, Hatje-Krantz-Verlag, 176 S., ca. Fr. 45.–