Den Tod ein wenig wärmen

Federleicht erzählt «Ente, Tod und Tulpe» für Menschen ab fünf Jahren vom Abschiednehmen und Vergehen. Am Samstag hatte die neue Eigenproduktion des Figurentheaters St. Gallen unter Regie von Sebastian Ryser Premiere.

Bettina Kugler
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Zu zweit geniessen sie das Leben: Tod und Ente, gespielt von Patricia Kuhn und Claudia van Winden. (Bild: Urs Bucher)

Zu zweit geniessen sie das Leben: Tod und Ente, gespielt von Patricia Kuhn und Claudia van Winden. (Bild: Urs Bucher)

Das mit dem Baden im Teich hätte Gevatter Tod besser gelassen. Nun schlottert der Ärmste, dass die Knochen klappern – und mehr ist ja nicht dran an ihm. Aber was tut man nicht alles, wenn so ein nettes Wesen wie die Ente nur lange genug überzeugend schnattert. Weil sie zu diesem Zeitpunkt schon zu einer echten Freundin geworden ist, breitet Ente fürsorglich die Flügel aus und nimmt den kleinen Knochenmann eine Nacht lang unter ihre Fittiche. Und lebt beim Aufwachen sogar noch!

Himmel, Hölle, Lebenslust

Das ist der innigste Moment im Stück «Ente, Tod und Tulpe» nach dem Bilderbuch von Wolf Erlbruch. Unter der Regie von Sebastian Ryser präsentiert das Figurentheater St. Gallen damit seine zweite Eigenproduktion der Spielzeit – und berührt ohne eine Spur von Rührseligkeit. Zwar steht die Geschichte in der uralten Tradition des «Memento mori», jener Kunst, die uns daran erinnert, dass wir nur Gäste sind auf Erden. Doch wie die besten Beispiele dieser Kunst singt sie zugleich das Hohelied auf das Leben: seine Schönheit, die kleinen und grossen Freuden.

Baden zum Beispiel. Auf Bäume klettern und sich gross fühlen. Ein Fest feiern, tanzen. In einer Sommernacht unterm weiten Sternenhimmel zu liegen und nicht zu frieren ... So warm und weich hat der Tod noch nie geschlafen wie im Daunenbett – kein Wunder, hat er es nicht eilig damit, die Ente heimzuholen.

Schlotternde Knochen

Die scheuen Schwimmversuche hatten also ihr Gutes: allein schon, weil es zum Kichern ist, wie sich der wasserscheue Tod am Anfang ziert; wie er umständlich versucht, sich einen quietschgelben Entenschwimmring überzustreifen, und wie das Skelett dabei leicht makabre Musik macht: köstlich!

Wie überhaupt die hohläugige Handpuppe (Figurenbau: Beatrice Dörig) im langen karierten Kleid, das das Gerippe dezent kaschiert, nicht wirklich furchterregend aussieht. Eher weckt sie Beschützerinstinkte; nicht nur bei der Ente.

Kinder ab fünf, für die das Stück gedacht ist, freunden sich schnell mit dem kleinen Mann an, der zu Beginn, an einem herrlichen Sommertag aus heiterem Himmel aufkreuzt und eine Tulpe mitbringt. «Schön, dass du mich endlich bemerkst», sagt er zur Ente, da hat ein Kind aus dem Publikum (weit unter fünf) schon längst «Der hat einen Totenkopf!» in Richtung Bühne gerufen. Gehört er nicht einfach zu uns und ist immer schon da, «nur für den Fall»? Schlaflose Nächte verursacht das Stück sicher nicht, im Gegenteil: Enten, die sich nicht vorstellen können, wie es weitergehen soll mit der Welt, wenn sie mal nicht mehr auf dem Teich schwimmen, werden getröstet sein. Ansonsten sitzt ein kleiner Mensch in Reichweite, der das gerne übernimmt.

Plaudern über grosse Fragen

Ein wenig wehmütig tönt das Cello von Anfang an, doch nicht zu viel, denn «Ente, Tod und Tulpe» handelt nicht nur vom Abschiednehmen und Vergehen, sondern vor allem vom Zusammensein. In kindlich-unaufgeregten Dialogen und einem Reigen kleiner Szenen sprechen die Puppenspielerinnen Patricia Kuhn und Claudia van Winden die grossen, tiefen Fragen an, sie zeigen dabei, wie schön es ist, jemanden zu haben, der ruhig zuhört und auch die Ängste ernst nimmt. Das alles kommt entenfederleicht daher – und wärmt wie eine Daunendecke.

Die Kunst der Sparsamkeit

Wer Wolf Erlbruchs Bilderbücher kennt, weiss, wie wenig es braucht an Worten, an Farben, an Hintergrund, um Wesentliches zu berühren – so hält es auch das Produktionsteam im Figurentheater. Die grüne Wiese genügt, Tag- und Nachthimmel, auf die Rückwand projiziert (Bild: Elias Raschle). Zur Linken der Bühne sitzt Cellist Benjamin Ryser, der live und leibhaftig zum Tanz mit dem Tod aufspielt – und auch sonst noch allerhand Geräusche und Stimmungen zaubert, die ins Bild passen. Etwa das Plätschern im Teich. Dafür zieht er sogar die Strümpfe aus und nimmt ein Fussbad. So einfach geht gutes Theater.

Nächste Vorstellung: Morgen Mi, 14.30 Uhr. Weitere Termine: 1.3., 2.3., 5.3., 8.3., 9.3., 12.3.; 14.30 Uhr.

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