Den Sinn der Musik vermitteln

Igor Keller hat seine Probezeit bestanden und ist seit letzter Woche neuer Erster Konzertmeister des Sinfonieorchesters St. Gallen. Für den gebürtigen Elsässer ist die Flexibilität eines Orchesters ein wichtiges Qualitätskriterium.

Martin Preisser
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Igor Keller muss als Erster Konzertmeister nicht nur musikalisch führen, sondern auch eine Art Coach sein. (Bild: Hanspeter Schiess)

Igor Keller muss als Erster Konzertmeister nicht nur musikalisch führen, sondern auch eine Art Coach sein. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Jetzt kannst Du Dich entspannen», hätten ihm Freunde gesagt. Der frischgebackene Erste Konzertmeister des Sinfonieorchesters St. Gallen weiss es besser: «Jedes Programm ist eine Herausforderung.» Igor Keller spielt seit August letzten Jahres am Pult, von dem aus von 1977 bis 2008 Andrzej Kowalski das Orchester leitete. Eine Nachfolgerin für das Konzertmeisteramt, Chouchane Siranossian, erhielt nach ihrer Probezeit keine Festanstellung.

Wichtige Quartetterfahrung

Für den gebürtigen Elsässer Igor Keller hat die Chemie mit dem Orchester von Anfang an gestimmt. Ganz unbekannt ist der 1973 geborene Musiker in St. Gallen nicht. Der Konzertfreund kennt ihn vielleicht als Geiger des renommierten Amar Quartetts, das sich vor allem mit Interpretationen der Musik Paul Hindemiths und zeitgenössischer Komponisten einen internationalen Namen gemacht hat. Streichquartetterfahrung sei für die neue Herausforderung am ersten Pult eines Orchester durchaus nützlich, ist Igor Keller überzeugt.

«Als Konzertmeister muss ich intensiv mithelfen, den musikalischen Sinn zu vermitteln. Der geht in einem Orchester leichter verloren. Sehr genau am Sinn von Musik zu arbeiten, lernt man in einem Quartett.» Sein Wissen in zeitgenössischer Musik beurteilt der Geiger ebenfalls als hilfreich. «Umgang mit modernen Partituren schult eine spezielle offene Aufmerksamkeit, die auch den Deutungen von traditioneller Klassik zugute kommt.»

Bewunderung für Menuhin

Igor Keller weiss, dass es nicht reicht, nur ein hervorragender Geiger zu sein. «Als Konzertmeister muss ich vermitteln und dafür sorgen, dass das Orchester flexibel bleibt. Ich bin gleichzeitig in der Rolle des Musikers wie des Coachs.» Im Gespräch kommen Kellers Ansichten über Musik und den Musikbetrieb sympathisch und unverkrampft daher. Keller weiss um interpretatorische und technische Qualität, aber er weiss auch um den Pragmatismus, den seine Position fordert.

Igor Keller ist hervorragend ausgebildet, würde sich aber nicht einer bestimmten geigerischen Schule zuordnen wollen. «Die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen und den nationalen Eigenarten, Geige zu spielen, heben sich in letzter Zeit sowieso mehr und mehr auf, was ich eigentlich schade finde.»

Wo er sich dann doch beheimatet fühlt, ist die George-Enescu-Schule. Aus der Geigenschmiede des Rumänen sind so grosse Geiger wie Yehudi Menuhin oder Igor Kellers Lehrer Alberto Lysy hervorgegangen. «Die Enescu-Schule zeichnet sich vor allem durch ein hoch expressives Spiel in beiden Händen aus», sagt Keller, der bei Menuhin Meisterkurse besucht hat. «Menuhin war ein unglaublicher Musiker; er hatte sofort ein klarstes Bild von der Musik und vom direkten Weg, dieses zu erreichen. Seine Rückkehr zur Natürlichkeit des Spiels war extrem faszinierend» Ein Name, bei dem Igor Keller ebenfalls ins Schwärmen gerät, ist der Ungar Sándor Végh: «Er war ein glutvoller Musiker, der die Essenz direkt aus der Partitur herausholen konnte.»

Was gutes Geigenspiel ausmache? Igor Keller will sich da trotz vieler begeisternder Vorbilder nicht festlegen. «Eine Einschränkung finde ich eher gefährlich. Es gibt zum Glück viele Wege, ein guter Musiker zu sein.» Offen wirkt der 38-Jährige auch, wenn es um die Frage nach der Qualität im Orchester geht. «Ein Klangkörper wie das Sinfonieorchester St. Gallen muss vielseitig sein und sich in verschiedenen Milieus flexibel bewegen können, sei es in der Tonhalle oder als Opernorchester im Theater. Es ist schwierig, allen Ansprüchen gleich gut gerecht zu werden.» Klanglich schlägt Kellers Herz für eine eher satt-romantische Orchesterausstrahlung.

Dirigent braucht Leaderqualität

Konzert und Theater St. Gallen hat seit der Pensionierung von Andrzej Kowalski einige Zeit gebraucht, um den neuen Konzertmeister zu finden. Jetzt ist er definitiv bestimmt. Die nächste Weichen stellende Entscheidung ist die für den Nachfolger von David Stern als Chefdirigent des Orchesters. Auch da hat Igor Keller eine pragmatische Meinung: «Natürlich muss der neue Dirigent ein hervorragender Musiker sein. Aber für uns Orchestermusiker sind es zwei Paar Stiefel, wie Musik im Konzert wirkt, auch auf Kritikerohren, oder wie sie erarbeitet wird. Da gibt es wichtige Leaderqualitäten, die man so im Konzert selbst nicht unbedingt wahrnimmt. Kurz: Für ein Orchester ist es von grosser Wichtigkeit, wie und vor allem wie effizient ein Dirigent die Musik – oft auch unter Zeitdruck – einstudieren kann.»