Den Mord hätte er lieber dezenter

Zwei Irrtümer begleiten das Image des Appenzeller Verlegers Marcel Steiner: Wer erfolgreiche Krimis verlegt, müsse ein Krimifan sein; wer Wanderbücher schreibt, müsse ein Wandervogel sein. Beides ist falsch.

Hansruedi Kugler
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Verleger Marcel Steiner in seinem neuen Domizil mit Verlagsbuchhandlung in Schwellbrunn. (Bild: Beat Belser)

Verleger Marcel Steiner in seinem neuen Domizil mit Verlagsbuchhandlung in Schwellbrunn. (Bild: Beat Belser)

SCHWELLBRUNN. Ein Krimi ohne Mord sei natürlich kein richtiger Krimi, findet Marcel Steiner. Aber der Seufzer des Verlegers ist unüberhörbar: «Ja, die Szenen sind brutal und nach meinem Geschmack an der Grenze.» Seine Bestseller-Autorin Petra Ivanov schildert in ihrem aktuellen Krimi «Heisse Eisen» (Startauflage 7000 Exemplare) detailliert, wie ein starrköpfiger Politiker von Sadisten gefoltert wird.

«Petra Ivanov hat nun mal einen aufklärerischen Anspruch und ist konsequent, auch wenn das vielleicht Leser abschreckt», sagt Marcel Steiner. Zwangsprostitution, Mafia, Organhandel oder, in «Heisse Eisen», durchgeknallte Sadisten: Petra Ivanov schaut in ihren Büchern in die düsteren Ecken unserer Gesellschaft. «Damit bin ich völlig einverstanden», sagt Marcel Steiner, «die Gewaltszenen hätte ich aber etwas dezenter beschrieben.»

Aus «Sinnkrise» wird Verleger

Marcel Steiner, ein Krimifan? Weit gefehlt. «Eigentlich bin ich ein Feld-, Wald- und Wiesen-Verleger», sagt er und lacht. Den Ausdruck für einen, der sich für alles Regionale interessiert, benutzt man nämlich auch für Lokaljournalisten. Und als solcher ist er 1985 – nach abgebrochenen Studium und einigen Jahren News-Journalismus – bei der Appenzeller Zeitung eingestiegen. Dort hat der gebürtige Zürcher das Vorderland «beackert». 1990 übernahm er die Chefredaktion und 1995 die Geschäftsleitung des Appenzeller Medienhauses. Sein Vorgänger Peter Schläpfer hatte bereits regionale Bücher publiziert, allerdings in geringer Zahl.

Marcel Steiner baute den Verlag nach und nach aus. Dieses Engagement hatte auch mit seinem Berufswechsel zu tun: Als langjähriger Journalist war er gewohnt, jeden Tag das druckfrische Resultat seiner Arbeit zu sehen. Plötzlich sei er Manager gewesen, ein Zahlenmensch – das sei ihm schwergefallen. Die «Sinnkrise» überwand er unter anderem mit Büchern: Regionale Sachbücher, Kalender, Wanderbücher und Kinderbücher machen heute gut die Hälfte des Verlagsprogramms aus.

Start mit Schauergeschichte

Die andere Hälfte des aktuellen Verlagskatalogs «Die Zeile» ist Kriminalromanen gewidmet. Schon sein erstes Buch als Verleger im Sommer 1996 war eine Schauergeschichte: «Säntiswetter» von Bruno Meier. Der Autor rollt darin den Doppelmord auf dem Säntis auf. Allerdings ist es ein Sachbuch und blieb lange eine Ausnahme im Verlagsprogramm – ein Longseller, in der vierten Auflage greifbar.

In die nationalen Medien schaffte es der Appenzeller Verlag vor allem durch die Biographien über Bundesrätin Ruth Metzler, Bundesrat Hans-Rudolf Merz und Christoph Blocher. «Als belletristischen Verlag nahm man uns aber erst dank Walter Züsts historischen Romanen wahr», sagt Marcel Steiner. Der pensionierte Gemeindeschreiber Züst erreicht mit seinen Büchern über Reisläuferei, Bettlerei oder die letzte Hinrichtung in Trogen 1862 ein grosses Publikum.

«Perle unter Manuskripten»

Dann lag an einem Novembersonntag 2004 unter vielen Manuskripten dasjenige von Petra Ivanov: «Fremde Hände», ein rasanter Krimi zum Thema Frauenhandel. Schnell war Marcel Steiner klar: Die Autorin baut geschickt Spannung auf, kennt sich in Gerichtsthemen sehr gut aus und packt gesellschaftlich relevante Themen an. «Eine Perle im Meer unverlangt eingesandter Manuskripte», sagt er. Der Verleger musste schnell handeln, denn das Manuskript hatte schon einige Monate auf dem Stapel gelegen. Ivanovs Erstling lag bereits im Frühling in den Buchhandlungen. Später kam Petra Devi dazu, beide Autorinnen gewannen bald darauf den Zürcher Krimi-Preis. Vor einem Jahr schliesslich übernahm Marcel Steiner den Orte-Verlag und führt dessen Krimi-Reihen weiter. Wird Marcel Steiner nun zum Krimi-Verleger? «Einen Autor wie Hansjörg Schneider mit seinem Hunkeler hätte ich natürlich gerne in meinem Verlag», sagt Marcel Steiner und schmunzelt.

Fotograf muss wandern

Als Krimi-Verleger will er sich aber nicht sehen. Denn privat sei er ein Allesleser, sagt er: historische Romane, Regionales, viele Biographien – bei sich zu Hause füllen solche über Verleger ein ganzes Regal. Und die prächtigen Kalender und das unterdessen auf 600 Titel gewachsene Verlagsprogramm zeigen ein breiteres Bild. Ein Bild, von dem man sich selbst überzeugen kann: In Schwellbrunn hat der Verleger ein ehemaliges Schulhaus gekauft. Hier ist sein Verlag mit zehn Mitarbeitern untergebracht. Im Erdgeschoss hat er eine Buchhandlung eingerichtet: Hier kann man in sämtlichen Titeln blättern. Unter anderem in erfolgreichen Wanderbüchern über das Toggenburg und das Appenzellerland. Autor: Marcel Steiner. Der Verleger, ein Wandervogel? «Zweiter Irrtum», korrigiert er. In erster Linie ist er ein leidenschaftlicher Fotograf. Und weil er für das erste Wanderbuch über das Toggenburg einen Fotografen brauchte und es schnell gehen musste, zog er selbst die Wanderschuhe an.