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Den Linien treu

Der Müllheimer Künstler Christoph Rütimann erhält nächste Woche den Thurgauer Kulturpreis.
Dieter Langhart
«Die Linie im Kopf»: Christoph Rütimann in seinem Atelier in Müllheim. (Bild: Reto Martin)

«Die Linie im Kopf»: Christoph Rütimann in seinem Atelier in Müllheim. (Bild: Reto Martin)

Er holt ein Buch hervor, sein neuestes, mit dem Titel «Die Linie im Kopf», vom Kunsthaus Solothurn herausgegeben. Die Linie ist entscheidend, sie durchzieht sein ganzes Werk, die Linie ist wohl das wichtigste Instrument in Bezug auf die Interpretation der Wirklichkeit. «Die Linie hatte ihren ersten Höhepunkt schon in der Höhlenmalerei», sagt Christoph Rütimann. Und die Linie habe den höchsten Grad an Abstraktion. So entfaltet sie sich vor verschiedenen kulturellen Hintergründen in Europa, Asien und den anderen Kontinenten auf je eigene Weise.

Christoph Rütimann, 61, ist immer auch Zeichner geblieben, obwohl er sich in praktisch allen Medien ausdrückt: Malerei und Skulptur, Film und Klang, Installation und Performance. Schon als Kind hätten ihn Materialien interessiert, erzählt er, und sein Grossvater in Zürich habe ihn oft in Museen mitgenommen. «Das waren meine Reisen in die Kunstgeschichte.»

Performative Aktionen gegen den Zweifel

Da Kunst nie losgelöst von der Welt entsteht, sondern Teil der Kultur ist, die wiederum längst auch ein Teil der Marktwirtschaft ist, geht sie uns an, sagt Christoph Rütimann. Die Kunst könne im Kleinen viel bewegen. Die grossen Bewegungen wie die gesellschaftlichen Wertzusprechungen und Vereinbarungen überlagerten aber viele interessante Inhalte. «Meinen Zweifeln an der Welt setzte ich oft performative Aktionen entgegen», sagt er.

Und was will er mit ihr, mit seiner Kunst? «Ich habe keine Message, nur Grundideen, und richte mich nach diesen Ideen aus», sagt er. Wo zwischen den Angepassten und den Revolutionären sieht er sich? Auf der nicht angepassten Seite, und die Ideen, von denen sich Rütimann bei jedem Werk leiten lässt, sind ohne Material kaum vorstellbar. Deshalb ist seine Kunst be-greifbar. Begreifbar ist das Spiel an den Kakteen, deren Stacheln er zum Tönen bringt, und auch die analogen Waagen, mit denen er Gewichtskompositionen baut. Diese banale Waagenkonstellation lässt sehr komplexe Gedanken zu. Rütimann sagt: «Ich lese oft wissenschaftliche Zeitschriften. In den Achtzigern – als die Neue Wilde Malerei aufkam – haben mich die Fraktal- und die Chaostheorie, die in bis dahin unbekannte Komplexitäten vorgestossen waren, stark geprägt. Ich will herumzerren an der Erklärbarkeit: Was erträgt sie an Spannung?» Rütimann hat Linien über Kugeln und Würfel laufen lassen, um die flächige Denkweise verlassen zu können. Mit diesen Linien könne man immer neu entscheiden, in welche Richtung es weitergeht, ob in eine runde oder in eine eckige Welt. Durch seine Kunst habe er viel entdeckt und habe dabei immer wieder Überraschungen erlebt. Er hat etwa Waagen auf den Kopf gestellt («dann wägen sie sich selber») und sich gefragt, was zeigt uns die Waage, und wie fühlen wir uns dabei.

Solche Fragen hat er aber nicht nur sich selbst gestellt. Es geht Christoph Rütimann um die Lesbarkeit der Welt. «Schon lange vor dem digitalen Zeitalter, das längst unser Denken und Handeln bestimmt, war für mich ein Messinstrument – die Waage – etwas wie eine App.»

Die Medien der Kunst sind wie Sprachen

Und der Künstler schwenkt über zur Sprache, die so einfach und so komplex sein kann. «Die Sprache ist wie jedes Medium, sie wird immer komplexer und spannender.» Die künstlerischen Ausdrucksformen wie beispielsweise Malerei und Zeichnung trennt Rütimann, als wären sie Sprachen, mit denen man spezifisch umgehen könne. «Jedes Medium hat seine Beschränkungen – und seine Offenheiten. Während der Arbeit in einem Medium lerne ich das Medium immer wieder neu kennen.»

Mit seiner Frau, der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse, lebt und arbeitet er im alten Pfarrhaus mit angebauter Scheune mitten in Müllheim. Die beiden bestärken einander, sind einander ein «guter Widerstand» und die erste Bewährungsschwelle, bevor ein Buch in Druck geht oder ein Kunstwerk in eine Ausstellung kommt. «Ich entscheide emotional und situativ», sagt er und fügt lachend hinzu: «Einmal im Jahr muss ich zeichnen können.»

Öffentliche Preisverleihung: Mi, 26.10., 20 Uhr, Kunstmuseum Thurgau, Warth

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