Den 7er-BMW muss er abmelden

Davon können viele nur träumen: Mirza Sakic hat auf Anhieb die Aufnahmeprüfung für eine Schauspielausbildung an der Zürcher Hochschule bestanden. Theatererfahrung, aber auch viel Power als Thaiboxer bringt der 19-Jährige mit.

Martin Preisser
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Letzte Arbeitstage für Mirza Sakic in der Elektrobranche. Danach ist Bühnenarbeit angesagt. (Bild: Urs Jaudas)

Letzte Arbeitstage für Mirza Sakic in der Elektrobranche. Danach ist Bühnenarbeit angesagt. (Bild: Urs Jaudas)

Sechsmal pro Woche trainiert Mirza Sakic Thaiboxen. Da kommen neben den Fäusten auch Ellbogen, Füsse und Knie zum Einsatz. Zweimal stand er schon im Ring, einmal verlor sein Gegner durch K. o. «Ich habe eine gute Deckung», sagt der gebürtige Bosnier. Und er habe eine «ausserordentliche künstlerische Begabung». Das attestiert ihm die Zürcher Hochschule der Künste nach seiner Aufnahmeprüfung.

Mirza Sakic ist gelernter Automatikmonteur, er verdrahtet elektrische Geräte und montiert auf Baustellen elektrische Anlagen. Am 12. Juli ist sein letzter Arbeitstag. Am 20. Juli beginnt der Ramadan. Mirza, gläubiger Moslem, fastet einen Monat, trinkt keinen Alkohol, raucht nicht. «Ich entgifte mich, und dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt.»

Vierhundert Leute haben sich dieses Jahr für die Aufnahmeprüfung für die Schauspielausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste beworben. 14 kamen in die engere Wahl, zwei wurden angenommen. «Ich bin total stolz. Mich haben sie als <Jugo> quasi von der Baustelle weg angenommen.» Sein Bescheid über die bestandene Aufnahmeprüfung hängt überm Bett. «Es ist das erste, was ich beim Aufwachen sehe.»

«Mephisto passt zu mir»

Weil er studiert, kann er sich seinen schwarzen 7er-BMW nicht mehr leisten. Er muss ihn abmelden. Nach Zürich pendelt der 19-Jährige ab Ende August mit dem Zug. Mit vierzehn stand Mirza erstmals auf der Bühne. Als Mephisto in einer Faust-Schulaufführung der Realschule Buchental. «Diese Rolle passt zu mir.» Damals waren auch Leute vom Theater St. Gallen im Publikum. Sie haben Mirza in den Jugendclub des Theaters eingeladen. Oktober letzten Jahres stand er in der «Schneekönigin» auf der Bühne des Theaters St. Gallen. Als Schlittenjunge, als Schneeflocke von der Schneeflockenarmee und als Waldräuber. «Mit einem Holzmesser in der Hand musste ich rufen: <Was ist mit unserer Beute, ich habe Hunger.> Jedesmal hatte ich die Lacher auf meiner Seite.» Wenn der junge Bosnier vom Theater erzählt, tut er das bildlich und mit voller Leidenschaft. Man kann sich die Szenen, die er spielte, ganz plastisch vorstellen.

Riesenpenis sprayen

In Peter Turrinis «Silvester» spielte er einen Rowdy. Mit einer Schaumdose musste er jeweils einen Riesenpenis an die Wand der Lokremise sprayen. «Spätestens da habe ich gemerkt: Das ist Arbeit, macht aber Spass. Wie eine Rakete bin auch am Sonntagmorgen aufgestanden und habe mich auf die Bühne gefreut. Das ist etwas anderes als acht Stunden montieren und verdrahten.»

Das Rüstzeug für die Aufnahmeprüfung hat sich Mirza Sakic bei Christian Hettkamp geholt, der festes Mitglied beim Theater St. Gallen ist. «Er hat immer an mich geglaubt, fand mich am Anfang aber etwas zu offensiv.» Mirza Sakic erzählt wieder vom Thai-Boxen. Da müsse man vor dem Schlag die ganze Luft aus der Lunge pressen. Beim Theaterspielen müsse alles aus dem Bauch kommen. «Da habe ich schnell umgelernt.» Mit Hettkamp hat er drei Monate die Stücke für die Aufnahmeprüfung trainiert.

In Zürich hat er wieder aus dem Faust gespielt und einen Switch hingelegt zwischen Faust und Mephisto. «Faust habe ich voll als Ex-Knacki und Obermacho gezeigt. Mephisto als Bewährungshelfer», lacht Mirza. «Die wollten nicht nur Texte hören, sondern auch sehen, was ich mit den Figuren im Sinn hatte.» Für Shakespeares Luftgeist Ariel hat er einen massgeschneiderten schwarzen Anzug getragen. Vom stolzen Vater extra für den Auftritt gefertigt.

Nicht nur Macho

«Mir war klar, die Dozenten wollen nicht nur den Macho-Kickboxer sehen, sondern auch andere Seiten.» Mit einer Figur aus einem Stück von Eugene O'Neill hat er einen lungenkranken kraftlosen und barfuss auftretenden Typ gezeigt. «Mein Pluspunkt hier: Ich kann supergut auf Kommando losheulen», sagt Mirza stolz. Viel Applaus gab es in Zürich von den Mitbewerbern und Mitstudenten, die kaum glauben konnten, dass da einer das erste Mal vorspricht und sofort angenommen wird. Mirza wurde in die Limmat geworfen und mit Champagner begossen. So will es ein Ritual.

Neues Publikum

Für Mirza Sakic ist eines ganz klar: Wenn er als Theatermann Erfolg habe, sei das auch ein Beispiel für gelungene Integration. Der Bosnier will sich bald einbürgern lassen. «Ich hatte einfach noch keine Zeit dazu.» Ein erstes Engagement am Theater St. Gallen als Geissenpeter in «Heidi» musste er gerade ablehnen. «Die Hochschule hat Nein gesagt. Ich muss jetzt erst einmal studieren.» Er freut sich schon, wenn seine Freunde, die auch schnelle BMW lieben, dereinst ins Theater kommen. «Das ist dann ganz neues Publikum. Finde ich total cool.»