Dem Tod den Schrecken genommen

Vom Umgang mit dem Tod – und damit auch wieder vom Leben – erzählt der Japaner Yojiro Takita in seiner vielfach ausgezeichneten sanften Tragikomödie. «Departures» oder «Okuribito», so der Originaltitel, läuft jetzt im Kinok.

Walter Gasperi
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Der würdevolle Ernst der Nokanshi: Szene aus dem japanischen Film «Okuribito». (Bild: pd/Rialto)

Der würdevolle Ernst der Nokanshi: Szene aus dem japanischen Film «Okuribito». (Bild: pd/Rialto)

Mittendrin beginnt «Departures»: mit einer Autofahrt auf einer nebligen und verschneiten Landstrasse. Orientierungslos wie der Zuschauer ist zu diesem Zeitpunkt der Protagonist Daigo (Masahiro Motoki), denn er weiss nicht so recht, wie es weitergehen soll. Den Grund dafür erläutert er mit der folgenden Szene, in der er als Nokanshi, als «Einsarger» eine tote junge Frau vor der versammelten Trauergemeinde für die Kremierung herrichtet und dabei feststellen muss, dass es sich in Wirklichkeit um einen jungen Mann handelt.

Der würdevolle Ernst der Szene kippt so abrupt in Komik, und dem Tod wird das Tragische geraubt.

Vom Cellisten zum «Einsarger»

Nach diesem unvermittelten Einstieg blendet Takita zurück: Weil das Tokioter Orchester, in dem Daigo Cello spielt, aufgelöst wird, beschliesst er, mit seiner Frau Mika in seine Heimatstadt im ländlichen Norden Japans zurückzukehren und sich dort einen Job zu suchen.

Rasch stösst der arbeitslose Cellist auf die Stellenanzeige eines Unternehmens, das auf «Abschied» spezialisiert ist. Glauben Daigo und Mika, dass sich dahinter ein Reisebüro verbirgt, muss er bei seinem Vorstellungsgespräch erkennen, dass es sich in Wahrheit um ein Bestattungsunternehmen handelt, in dem in einer feierlichen Zeremonie vor den Augen der Angehörigen die Verstorbenen für die letzte Reise vorbereitet werden. Daigo schreckt zuerst zurück, überlegt es sich angesichts des guten Gehalts aber rasch anders.

Mit Daigos Augen wird der Zuschauer so in das ungewöhnliche Geschäft eingeführt. Slapstickhafte Komik, die durch das Overacting Masahiro Motokis noch gesteigert wird, dominiert zuerst, wenn der Neuling für seinen Chef (hinreissend in seiner Stoik: Tsutsumo Yamazaki) als Modell für einen Demonstrationsfilm fungieren oder sich um eine nicht mehr ganz frische Leiche kümmern muss. Mit Fortdauer entwickelt sich «Departures» aber zunehmend in die gefühlvolle Richtung.

Versöhnlich

Die sanfte, sehr konventionelle Erzählweise sowie die positive Grundstimmung, die hier verbreitet wird, sind sicher Hauptgründe, dass diese Tragikomödie, deren Produktion zunächst von mehreren Studios abgelehnt wurde, sich in Japan rasch zu einem Publikumserfolg entwickelte. Weltweit folgte auch ein Preisregen bis hin zum Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film.

Vom Tod erzählt Yojiro Takita zwar, doch nimmt er ihm den Schrecken, indem er ihn nicht als Ende, sondern als Übergang in eine neue Welt auffasst, in der man sich wieder sehen wird. In jeder Einstellung schwelgt «Departures» in warmen Brauntönen, und nicht gespart wird mit dem Einsatz von Streicher- und Klavierklängen. Dazu wird ein ausgesprochenes Gutmenschentum gepflegt, und Konflikte lösen sich förmlich in Luft auf.

Mögen sich bei einer Trauerzeremonie die Hinterbliebenen auch mal in die Haare geraten, so kennzeichnet doch insgesamt Versöhnung diese Szenen, die die stärksten des Films sind.

Trost des würdevollen Abschieds

Viel Zeit nimmt sich Takita, um in langen Einstellungen wort- und weitgehend musiklos beim Schminken, Waschen und Ankleiden der Leiche zuzuschauen.

Tief erfahrbar wird durch diese geduldige Beobachtung, die so respekt- und würdevoll wie die Vorgehensweise der Nokanshi ist, wie wichtig und tröstlich ein Abschied sein kann, der mit einem feierlichen Ritual verbunden ist.

Für Japan freilich dürfte «Departures» über die Auseinandersetzung mit dem existenziellen Thema «Umgang mit dem Tod» hinaus auch eine ganz konkrete Botschaft haben, indem er das Image der bislang marginalisierten und verachteten Berufsgruppe der Nokanshi aufwertet.

Kinok, Mi 10., 20.30 Uhr sowie 12., 21.30; 13., 19.00; 18., 20.30; 19., 19.00; 20., 21.30; 22., 20.00 und 24.2., 17 Uhr

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