Dem Himmel zu

Sie liegt im Dornröschenschlaf, die Kirche zu St. Mangen, im Sandwich zwischen zwei kleinen Pärklein, am Rande der nördlichen Altstadt. Wären da nicht noch die Scharen von Gewerbeschülern, die sich rund um St. Mangen ihre Pausen vertreiben – diese Ecke der Stadt wirkte noch verlassener.

Merken
Drucken
Teilen
Kirche findet Kunst – Kunst findet Kirche. Lucie Schenker eröffnet einen Ausstellungszyklus in der Kirche St. Mangen. (Bild: Michel Canonica)

Kirche findet Kunst – Kunst findet Kirche. Lucie Schenker eröffnet einen Ausstellungszyklus in der Kirche St. Mangen. (Bild: Michel Canonica)

Sie liegt im Dornröschenschlaf, die Kirche zu St. Mangen, im Sandwich zwischen zwei kleinen Pärklein, am Rande der nördlichen Altstadt. Wären da nicht noch die Scharen von Gewerbeschülern, die sich rund um St. Mangen ihre Pausen vertreiben – diese Ecke der Stadt wirkte noch verlassener. Dabei hat das Geviert doch eine für St. Gallen nicht unwesentliche kulturgeschichtliche Bedeutung.

*

Im Jahr 898 hatte Abtbischof Salomo den kreuzförmigen Bau als Hofkirche erbauen lassen. Vierzehn Jahre später liess sich die Adlige Wiborada in eine Zelle einmauern, wo sie fortan durch ein kleines Gitterfenster als sehende und betende Seelsorgerin zu den Ratsuchenden sprach. Am 1. Mai wurde die Einsiedlerin von einer meuchelnden Meute – wer weiss, vielleicht kamen sie vom Unteren Graben her, wo heutzutage und vor allem nächtens ganze Scharen von jungen Leuten in ständigen Kamikaze-Übungen

die dicht befahrene Strasse überqueren und sich im Tankstellenshop mit Food und Flüssigem eindecken – umgebracht. Auf Wiborada folgten andere Frauen, welche bis zur Reformation als Inklusinnen in der damaligen Wallfahrtskirche St. Mangen lebten.

Heute erinnert nur noch die kleine vergitterte Öffnung an der nordöstlichen Seite des Chores an die Einsiedlerin Wiborada. Hinter dem Gitter, oh weh, ist nichts zu sehen als ein verlöchertes Stück Karton. Ein unwürdiges Andenken an die 1047 Heiliggesprochene.

Auch sonst wirkt der harmonische Bau zu Ehren des Heiligen Kreuzes vernachlässigt, lieblos gestaltet. Im Chor wird der alte Steinboden von einem Spannteppich bedeckt. Er korrespondiert mit hohen angegrauten Kirchenwänden, die längst auf einen weissen Anstrich warten. Die spärlich angebrachten Funzeln erhellen kaum, was es zu erhellen gäbe.

*

Die Initiative einer Kommission, der unter anderen Dorothee Messmer, Kuratorin des Kunstmuseums des Kantons Thurgau, Jennifer Deuel und Pfarrer Hansruedi Felix angehören, will nun mit künstlerischen Interventionen St. Mangen aus der tristen Mange holen. Pro Jahr sollen zwei Ausstellungen realisiert werden, welche den Kirchenraum als solchen weder zur Galerie umfunktionieren noch «entheiligen» wollen, sondern ein Zeichen meditativer Übergänge schaffen, die sich im sakralen Raum entfalten sollen.

Als erste Künstlerin bespielt Lucie Schenker die Stirnwand des Chores mit einer fünfteiligen Bilderserie. Sie nennt ihre Arbeit – es handelt sich um schwarze Ölkreide auf Papier – «Objet trouvé». Die Bildtafeln drängen nach oben, man könnte meinen, sie seien wie deren Inhalt am Fliegen. Wollen sie möglichst schnell weg aus dieser Düsternis, oder suchen sie einfach das Licht, die Höhe, als Gleichnis, Parabel des Flüchtigen? Wolkengebilde, teilweise mit weichen, dann wieder mit

ausgefransten Konturen scheinen wie das Medium zwischen dem Hier und dem Dort, dem Gewesenen und der Gegenwart, dem vergeistigt Geistlichen und dem Weltlichen.

*

Hier, sprechen Schenkers Bilder, will das Leben und nicht der Tod gefeiert werden. Lasst uns Innen und Aussen verbinden, lasst uns die Mauern durchbrechen, lasst uns aufsteigen, atmen, den Kosmos erahnen, den auch Wiborada als umfassende Kraft benannte, in den sie und wir eingebettet sind.

Über Lucie Schenkers dunkel gehaltenen Wolkengebilden – sie hatte sie 2009 bei Kultur im Bahnhof ein erstes Mal gezeigt – soll sich kein Gewitter zusammenbrauen, sie sollen vielmehr das Herzwolkengefieder in uns beflügeln. Es könnte gut sein, dass die Rechnung des Komitees aufgeht und sich nach und nach in dem Kirchenraum auch ausserhalb der Gottesdienste und sonstigen Feiern wieder Menschen einfinden, die herumgehen, sich hinsetzen und schauen.

Momentan könnten sie dabei zusehen, wie Alfred Kobels bunte Glasfenster den Schenkerwölklein ein paar Farbkleckse zupusten, um dann als Regenbogen-Pas-de-deux in den Abendhimmel zu gleiten.

Brigitte Schmid-Gugler

Bis 21. November; täglich geöffnet von 9 bis 18 Uhr; 23. Oktober: «Kunst-Gottesdienst» mit Hansruedi Felix, Rudolf Lutz (Orgel), Corinna Pestalozzi (Bratsche)