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Dem Geheimnis lauschen

Vor fast vierzig Jahren komponierte Iso Rechsteiner während der Sommerferien den Motettenzyklus «Mysterium Mortis» – nach langer Ruhezeit wird er am Samstag in der Kathedrale erstmals in Gänze aufgeführt.
Bettina Kugler
Komponist Iso Rechsteiner vor der Kathedrale, wo sein Werk am Samstag uraufgeführt wird. (Bild: Ralph Ribi)

Komponist Iso Rechsteiner vor der Kathedrale, wo sein Werk am Samstag uraufgeführt wird. (Bild: Ralph Ribi)

Gestochen klar ist seine Handschrift; man sieht ihr an, dass sie jahrzehntelang an der Tafel zur Deutlichkeit verpflichtet war. Am Seminar Rorschach unterrichtete Iso Rechsteiner angehende Lehrerinnen und Lehrer im Fach Musik. Auch seine Partituren sind Muster an Sorgfalt. Bis heute braucht Rechsteiner beim Komponieren kein Computerprogramm, um lesbares Notenmaterial herzustellen. Ebenso wenig die üblichen italienischen Vortragsanweisungen für Tempo und Gestus. Stattdessen gibt er präzise Metrumzahlen vor, Artikulationsweisen – und Haltungen.

«Klagend», «gläubig anrufend», «eindringlich flehend», «voll Zuversicht» oder «in österlicher Freude» steht über den Sätzen und einzelnen Passagen. Nirgends ein unverbindliches Allegro giocoso, ein nichtssagendes Moderato.

Die Flüchtigkeit unserer Tage

Die neun Motetten für gemischten Chor a cappella, die das Collegium Vocale unter der Leitung von Domkapellmeister Hans Eberhard am Samstag zusammen mit Maurice Duruflés «Requiem» in der Kathedrale uraufführen wird, machen auf den ersten Blick glauben, sie seien leichthin vom Blatt zu singen.

Doch so einfach ist es dann doch nicht mit «Mysterium Mortis», jenem Zyklus, den der in Rorschacherberg lebende Musiker und Komponist im Sommer 1972 zügig vorantrieb, um ihn noch in den Ferien fertigzustellen – und dann fast vierzig Jahre lang ruhen zu lassen.

Die Musik spricht in bitonalen Abschnitten von Gottverlassenheit; sie reizt das harmonische Spektrum expressiv aus, wenn es um Leben und Tod geht, um die Flüchtigkeit unserer Tage auf Erden, um den Kälteschock des Geborenwerdens und den Schmerz ewiger Heimkehr.

Musikalische Meditation

Das singt sich nicht schnell weg; es hinterlässt beim Hören tiefe Spuren: «Mysterium Mortis» ist eine musikalische Meditation, die zum Licht strebt. Schon in der zweiten Nummer gibt der Zyklus in höchsten Tönen ein Vorgefühl der himmlischen Wohnungen; zwischen ewige Ruhe und Seligpreisung der Toten stellt er die Verheissung «Ich bin die Auferstehung und das Leben» – wohlgemerkt «leise verklingend». Schliesslich mündet das halbstündige Werk in den Hymnus «Dreifaltigkeit, urewig Licht»: in helles, strahlendes C-Dur.

Auslöser des ungewöhnlichen Ferienprojekts von einst war eine Reihe schmerzlicher Todesfälle in der Familie – und ein Buch des ungarischen Jesuitenpaters Ladislaus Boros mit dem Titel «Mysterium Mortis», das Rechsteiner und seiner Frau in dieser Zeit Kraft gab. Aus der Lektüre theologischer Reflexionen entstand der Wunsch, Texte «von Tod und Auferstehung» auszuwählen und zu vertonen.

Viele davon haben grosse Vorgänger in der Musikgeschichte, etwa die Eingangsmotette «Ach wie flüchtig, ach wie nichtig», der Choral «Wachet auf! Ruft uns die Stimme», in dem von Strophe zu Strophe eine Stimme hinzutritt und den Satz verdichtet, «Selig sind die Toten» oder der Lobgesang des Simeon «Nun lässt Du Deinen Diener, Herr, in Frieden scheiden».

Herzensmusik mit Handschrift

Manches Vorbild klingt mit, die Tonsprache Willy Burkhards, die seiner Lehrer Robert Blum und Adolf Brunner, aber auch Brahms und Bruckner, Distler und Pepping, mit denen der Schulmusiker vertrauten Umgang pflegte. Und doch ist «Mysterium Mortis» Iso Rechsteiners persönlichstes Werk: Herzensmusik, die seine Handschrift trägt, ohne Einschränkungen und Rücksichten komponiert. Weswegen er von Anfang an nicht eigentlich mit einer Aufführung rechnete.

«Für Auftragsarbeiten bekam ich ja immer konkrete Vorgaben, es durfte nicht zu schwierig, nicht zu hoch sein, für Schüler oder Laienchöre machbar.» Hier liess er seinem musikalischen Empfinden freien Lauf. «Es war wunderbar, einfach mal etwas zu schreiben, das mir gefällt», erinnert er sich.

Noch berührender ist es für ihn, den Zyklus nun zu hören, fast vierzig Jahre später hineinzuhören in das «Geheimnis», dem sich «Mysterium Mortis» in farbiger Klanglichkeit nähert.

Die erste Motette hat Iso Rechsteiner erst dieses Jahr um eine Mittelstrophe erweitert; ursprünglich hätte er gern alle sieben Strophen auskomponiert. Die Verbindung ist wieder da zu konkreten Personen, denen er einzelne Sätze zugeeignet hat. Vier davon hat das Collegium Vocale bereits im Jahr 2005 konzertant uraufgeführt. Nun ist es vorbei mit der ewigen Ruhe in der Schublade. Der Tod mitten im Leben bleibt greifbar nahe.

Sa, 30. 10., Kathedrale, St. Gallen, 19.15 Uhr. Wiederholung am So, 31. 10., katholische Kirche Arbon, 19 Uhr

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