Dem Gaul ins Maul geschaut

Noch bis Ende Jahr hält sich die St. Galler Künstlerin Marianne Rinderknecht im Künstleratelier im indischen Varanasi auf. Sie findet die Kritik, die ihre Vorgängerin Nesa Gschwend nach ihrer Rückkehr öffentlich anbrachte, ungerechtfertigt.

Brigitte Schmid-Gugler
Drucken
Teilen
Dem bunten Varanasi nachspüren: Werkskizze der St. Galler Künstlerin. (Bild: Marianne Rinderknecht)

Dem bunten Varanasi nachspüren: Werkskizze der St. Galler Künstlerin. (Bild: Marianne Rinderknecht)

Es ist eine kleine grosse Welt. Mal klein gedacht, mal gross angerichtet. Nach Belieben auch umgekehrt. Hier Kleinstadt im Kleinstaat, dort Grossstadt auf dem Subkontinent. Kunst und Kultur machen es möglich, dass beide auf ein Mittelmass zusammenschmelzen, zumindest was die Vorstellung solch weltgewandter Gegensätzlichkeit betrifft.

Vor ziemlich genau sechs Monaten (Tagblatt vom 8. und 12. April) berichteten wir vom Gastatelier in Varanasi, an dem sich die Stadt St.

Gallen im Arrangement mit der Städtekonferenz Kultur SKK (vormals Konferenz Schweizer Städte für Kulturfragen, KSK) beteiligt. Dort aufgehalten hatte sich die Künstlerin Nesa Gschwend, die nach ihrer Rückkehr kein Blatt vor den Mund nahm, die Zustände in Varanasi scharf kritisierte und gar von verschleuderten Steuergeldern sprach.

Der Artikel warf hohe Wellen, die SKK meldete sich zu Wort, Nesa Gschwend wurde vorgeworfen, subjektiv, emotional und aus einer persönlichen Verletzung heraus agiert zu haben.

Unterschiedliche Erwartungen

Nachwehen dieses Disputs scheint auch die zurzeit im indischen Atelier wohnende St. Galler Künstlerin Marianne Rinderknecht zu spüren.

Nesa Gschwends Kritik habe bereits vor ihrer Abreise und während ihres noch bis Ende Jahr dauernden Aufenthalts immer wieder für Gesprächsstoff gesorgt. Aus diesem Grund sei es ihr ein Bedürfnis, die Situation aus ihrer persönlichen Sicht zu schildern.

«Schon vor meiner Abreise wurde ich vermehrt darauf angesprochen.

Jetzt bin ich schon fast drei Monate in Varanasi, habe mich gut eingelebt, und immer noch erreichen mich negative Reaktionen in Bezug auf diesen Bericht», schreibt Marianne Rinderknecht in ihrem Mail aus Varanasi.

Nesa Gschwend hatte in ihrem Schlussbericht, den sie auch an die SKK weiterleitete, moniert, das Atelier werde von einer indischen Oberschicht betrieben, welche die eigenen Angestellten ausbeute.

Ausserdem seien die Preise für die mangelhaft eingerichteten Ateliers im Verhältnis zu den indischen Richtpreisen völlig übertrieben, die Betreuung mangelhaft, das Essen ebenfalls viel zu teuer. Die Beschwerde kam von einer Künstlerin, die sich schon oft in Indien aufgehalten hatte, Vergleiche ziehen, die Verhältnisse im Land einschätzen kann. Nesa Gschwend hatte es überdies nicht bei der Kritik bewenden lassen, sondern konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht. Unter anderem entwarf sie die Möglichkeit, mit einem Kollektiv vor Ort zusammenzuarbeiten.

Solche Kleinunternehmen gibt es, sie bieten zahlreichen jungen Menschen eine sinnvolle Betätigung, ein Einkommen und einen anregenden Austausch mit ausländischen Kulturschaffenden, so beispielsweise der vom Kinderbuchfonds Baobab unterstützte indische Kleinverlag Tara und seine Siebdruckerei in Südindien.

Lieber malen als maulen

Anders als Nesa Gschwend richtet Marianne Rinderknecht ihren Fokus hauptsächlich auf das Treiben in der Stadt am Ganges und weniger auf Reichtum und Machenschaften des Atelierbesitzers.

Die Künstlerin ist begeistert und dankbar darüber, die Möglichkeit dieses Austausches erhalten zu haben. «(…) und so arbeite ich erfreulich viel, obwohl die unangenehm hohen Temperaturen und die unzählbaren Stromausfälle meine Nerven stark provozieren und mein System lahmlegen.» Genau dieser Generator, der dafür sorgen sollte, die häufigen Stromausfälle zu überbrücken, war einer der Kritikpunkte von Nesa Gschwend gewesen, im Wissen, dass die SKK für den Generator bezahlt.

Marianne Rinderknecht fügt immerhin an, dass seit Mitte August ein neuer Stromgenerator vorhanden sei und dieser im Gegensatz zu früher bei Bedarf automatisch einschalte.

Aus ihrer Sicht sei die Residenz – die SKK bezahlt dem privaten Anbieter pro Jahr 35 000 Franken; sie wird jeweils von mehreren Kunstschaffenden gleichzeitig bewohnt – «optimal eingerichtet und die Betreuungspersonen bemerkenswert geduldig». Zu diesen Verbesserungen hätten kritische Stellungnahmen von «allen vorgängigen Residenzbewohnern» und nicht nur von Gschwend beigetragen.

Diese hatte sich getraut, dem geschenkten Gaul ins Maul zu schauen – und war dafür gerügt worden.