Dem eigenen Leben zuhören

Drei Dutzend Teilnehmer steuern ihre persönlichen Soundtracks zu einer Klanginstallation bei: Social Sound Organism ist am Sonntag zu hören.

Martin Preisser
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ST. GALLEN. In der Musikvermittlung gehen Konzert und Theater St. Gallen neue, ungewohnte Wege. Statt passiv in der Tonhalle der Musik zu lauschen, soll der Musikfreund selbst Elemente zu einer gemeinsamen Klanginstallation beisteuern. Social Sound Organism heisst die Idee, die gestern startete und am Sonntag als «demokratische Gemeinschaftskomposition» der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

Akustischer Fussabdruck

Demokratisch heisst: Alle rund drei Dutzend Teilnehmer sammeln an zwei Tagen ihre persönlichen Klang- und Geräuscheindrücke und basteln sich ihren individuellen akustischen Fussabdruck. Zwanzig Minuten Aufnahmezeit hat jeder Teilnehmer, der die Eindrücke, die ihn akustisch interessieren und reizen, mit einer extra für die Aktion eingerichteten App aufzeichnet. Alles Material wird dann gleichberechtigt über MP3-Player und die entsprechende Menge Boxen synchron als Klanginstallation erklingen.

Klänge des Alltags

An der Kickoff-Veranstaltung gestern in der Kunstzone der Lokremise führte der in Berlin tätige und aus Basel stammende Klangkünstler Knut Remond in das Projekt ein. Die Idee sei nicht, wahllos Klänge und Geräusche einzufangen, sondern zu lernen, sich für zwei Tage zuzuhören, Klänge des Alltags herauszuhören, dem eigenen Leben also für eine beschränkte Zeit bewusst zu lauschen, sagt Remond. Letztlich erforscht der Teilnehmer an Social Sound Organism ein Stück weit auch das Geheimnis seiner eigenen Wahrnehmung. «Höre und entscheide» heisst es auf der App für das Projekt. Also bewusstes Filtern und Bewerten der umgebenden Klangreize sind gefragt.

In seinem Einführungsvortrag stellte Knut Remond das Projekt auch in einen musikgeschichtlichen Kontext. Spätestens mit dem Futurismus Anfang des 20. Jahrhunderts sei das Geräusch in der Musik etabliert. Und verschiedene Strömungen der elektronischen und konkreten Musik hätten ihren Anteil dazu beigetragen, den Übergang zwischen Kunst und Leben ins Fliessen zu bringen und den Begriff des Kunstwerks neu zu definieren. Viele dieser Strömungen hätten nicht mehr nur ästhetische, sondern auch soziale Ziele verfolgt. Das Projekt mit Knut Remond soll nicht zuletzt neue Zugänge zu Neuer und Elektronischer Musik finden helfen, die im traditionellen Konzertbetrieb immer noch recht verstellt sind.

Vernissage: So, 11.1., 11–15 Uhr, Lokremise (Kunstzone)

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