«Dem Buchhandel geht es katastrophal»: Ostschweizer Buchhändlerinnen kämpfen ums Überleben

Sie liefern Bücher per Velo aus, erfinden Windowshopping neu, richten ein Buch-Schaufenster beim Metzger ein: Trotz massivem Einsatz wird es für einige Buchhändlerinnen bald eng.

Julia Nehmiz
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Leonie Schwendimann von der St.Galler Buchhandlung zur Rose deponiert bestellte Bücher zum Abholen im Hauseingang.

Leonie Schwendimann von der St.Galler Buchhandlung zur Rose deponiert bestellte Bücher zum Abholen im Hauseingang.

Bild: Urs Bucher

Der März ist überstanden, die Rechnungen sind bezahlt. Doch wenn Bea Papadopoulos den Stand des Geschäftskontos sieht, weiss sie nicht, wie sie den April überstehen soll. Den Sarganser Buchladen gibt es seit 40 Jahren, seit dreieinhalb führt ihn Papadopoulos. Sie hat sich einen Kundenstamm aufgebaut, seit 2019 läuft der Laden selbsttragend, sie kann sich einen kleinen Lohn auszahlen. Jetzt überlegt sie, etwas zu tun, «was man nicht tun soll»: Geschäftsrechnungen vom Privatkonto zu begleichen.

Es ist die dritte Woche des Lockdowns, und die Coronakrise trifft die Buchhandlungen hart. «Dem Buchhandel geht es katastrophal», sagt Sebastian Inhauser. Er arbeitet seit vielen Jahren als freier Verlagsvertreter, er ist also die Schnittstelle zwischen Verlagen und Buchhandlungen, und er sagt:

«Die Buchhändler werden innovativ, sie haben tolle Ideen, sie kämpfen wie verrückt. Aber sie kämpfen ums Überleben.»

Eine Branche, in der noch nie grosse Gewinne eingefahren wurden, muss jetzt erst recht schauen, wie sie über die Runden kommt.

Mit persönlichem Gruss und per Velo ausliefern

«Ich will auf jeden Fall durchhalten», sagt Bea Papadopoulos. Sie freut sich über Bestellungen ihrer Stammleser. Manche sagen ihr: Du weisst, was ich gerne lese, leg mir einfach zwei, drei Bücher in den Briefkasten. Papadopoulos schreibt einen persönlichen Gruss dazu, liefert im Raum Sargans mit dem Velo aus. Sie hat aufs Schaufenster geschrieben, wie man bei ihr bestellt, ist in den sozialen Medien aktiv.

Bea Papadopoulos vom Sarganser Buchladen liefert ihren Kunden im Raum Sargans die Bestellungen per Velo aus.

Bea Papadopoulos vom Sarganser Buchladen liefert ihren Kunden im Raum Sargans die Bestellungen per Velo aus.

Bild: PD

Doch es reicht nicht, mit den aktuellen Bestellungen kann sie nicht einmal die Fixkosten reinholen. Ihr wichtigster Kunde ist die Kantonsschule Sargans, und dort läuft nichts im Moment. Sollte der Lockdown länger andauern, will Papadopoulos die Lehrer anschreiben.

Zuerst kamen Tränen, dann kamen Kunden

«Jetzt ist nicht die Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken», sagt Marianne Sax. Die Frauenfelder Buchhändlerin kann das auch gar nicht, dazu hat sie zu viel zu tun. Sie sei total überarbeitet, sagt sie. Online und per Telefon kommen permanent Buchbestellungen in ihren Bücherladen rein, pro Tag melden 50 Kunden ihre Bücherwünsche, schätzt Sax.

Am ersten Tag des Lockdowns kamen ihr noch die Tränen. Dann kamen ihre Kunden. Darunter auch einige, die jetzt bei ihr anstatt bei Amazon bestellen. In Frauenfeld liefert Marianne Sax per Velo aus, alles andere wird verschickt oder kann in der Bücherbox vor dem Laden abgeholt werden. Sie stellen «Wundertüten» zusammen, haben aus Solidarität mit hiesigen Autoren ein «Schweizerpaket» kreiert.

Marianne Sax bringt in Frauenfeld die bestellten Bücher per Velo zu ihren Kundinnen und Kunden.

Marianne Sax bringt in Frauenfeld die bestellten Bücher per Velo zu ihren Kundinnen und Kunden.

Bild: Andrea Stalder

Die Bibliotheken und die Schulen fallen als Kunden gerade weg. Die für Herbst geplante Renovation des Ladens hat sie verschoben – nicht schon wieder schliessen. Sax hat Kurzarbeit beantragt, weiss aber nicht, ob sie die einlösen wird. Noch können ihre Angestellten und die Lehrtochter Ferien und Überzeit abbauen. Sax ist überzeugt: den Lockdown werden sie überstehen.

Onlinebestellungen haben sich verdreifacht, doch es reicht nicht

Davon gehen auch Carol Forster und ihr Team vom Bücherladen Appenzell aus. «Wir sind überwältigt von den vielen Bestellungen», sagt Mitarbeiterin Vania Hutter. Das Team macht auch viel für die Kunden: Sie liefern Bestellungen nach Hause, haben in der Metzgerei Fässler in Appenzell ein Bücher-Schaufenster gestaltet und eine Abholstation eingerichtet.

Carol Forster und ihr Team haben eine Bestellbox vor dem Bücherladen Appenzell aufgestellt.

Carol Forster und ihr Team haben eine Bestellbox vor dem Bücherladen Appenzell aufgestellt.

Bild. PD

Am eigenen Schaufenster haben sie Windowshopping neu definiert: Dort kleben Bestellzettel, die man direkt einwerfen kann. Vania Hutter will eine Multiple-Choice-Beratung am Schaufenster einrichten. Die Onlinebestellungen hätten sich verdreifacht, sagt Carol Forster. Trotzdem sei das nur ein Bruchteil dessen, was sie sonst mit der Laufkundschaft erwirtschafte. Noch sei das Konto nicht leer, aber es tendiere Richtung Null.

Windowshopping beim Bücherladen Appenzell: Sich von der Auslage inspirieren lassen und den Bestellzettel am Schaufenster ausfüllen.

Windowshopping beim Bücherladen Appenzell: Sich von der Auslage inspirieren lassen und den Bestellzettel am Schaufenster ausfüllen.

Bild: PD

«Irgendwie wird es weitergehen»

«Wir kämpfen», sagt Leonie Schwendimann. Seit 15 Jahren führt sie die Buchhandlung zur Rose in St.Gallen. Jetzt arbeitet sie hinter geschlossenen Türen, im Hauseingang kann man bestellte Bücher abholen. «Die Stammkunden unterstützen uns», sagt Schwendimann, sie fühle sich getragen. Doch sie will für ihre beiden Angestellten Kurzarbeit beantragen, der Einbruch sei massiv. Der Ladenbetrieb, dass Leute einfach kommen, sich vom Sortiment inspirieren lassen, das fehlt.

Leonie Schwendimann berät in ihrer Buchhandlung zur Rose St.Gallen jetzt telefonisch.

Leonie Schwendimann berät in ihrer Buchhandlung zur Rose St.Gallen jetzt telefonisch.

Bild: Urs Bucher

Sie stellt jetzt Buchrezensionen auf die Homepage, berät am Telefon. Einen eigenen Onlineshop hat Schwendimann nicht: Sie hole die Leute ab, die ein analoges, haptisches Erlebnis schätzen. Sie ist froh, dass ihr Vermieter angeboten hat, die Miete zu stunden. Trotzdem: Angst um die Existenz der «Rose» hat sie nicht.

«Der Laden ist so gut verankert. Irgendwie wird es weitergehen.»
Die Kundinnen und Kunden halten Buchhändlerin Leonie Schwendimann auch in der Coronakrise die Treu.

Die Kundinnen und Kunden halten Buchhändlerin Leonie Schwendimann auch in der Coronakrise die Treu.

Bild: Urs Bucher