Dekonstruierte Gleichgewichte

Mit der Ausstellung «Ausgeleuchtet» ist die in Genf lebende St. Galler Künstlerin Alexandra Maurer in einer Art Heimspiel im Architekturforum Ostschweiz präsent. Sie benutzt das Phänomen Erdbeben als künstlerische Chiffre.

Martin Preisser
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Die Künstlerin Alexandra Maurer vor ihrer Videoarbeit im Architekturforum. (Bild: Luca Linder)

Die Künstlerin Alexandra Maurer vor ihrer Videoarbeit im Architekturforum. (Bild: Luca Linder)

Schon wenn man das Architekturforum betritt, sorgt eine schiefe Wand für Irritation. Aus Lautsprechern dröhnen Dauergeräusche, die die Fenster des Raums zum Vibrieren bringen. Im Zentrum des Raums läuft ein Video. Drei Tänzer hat die Künstlerin Alexandra Maurer, die in St. Gallen geboren ist und heute in Genf lebt, in den Erdbebensimulator der ETH Zürich geschickt und – selbst auf festem Boden – deren körperlichen Reaktionen auf Erschütterungen und zerstörerische Dynamik gefilmt. Weitere Ingredienzien des Films sind reale Erdbebenszenen und bewegte Malerei.

Die kräftigen, nicht selten sinnlich wirkenden Acrylbilder Alexandra Maurers, in denen Rot und Gelb dominieren, werden in den Strudel, in den Kontrollverlust eingebunden. Was der Künstlerin hier gelingt, ist eine faszinierende gegenseitige Aufladung des einen durch das andere Medium.

Fragile Eindrücke

Filmische Elemente intensivieren die flüchtigen Maleindrücke. Und die Malerei interpretiert das Geschehen des Erdbebens, ja färbt die unheimliche Kraft solcher Naturkatastrophen intensiv und beharrlich ein. Scheinbare Gleichgewichte werden dekonstruiert. Das Phänomen Erdbeben dient als Chiffre, mit der das Fragile von Sinneseindrücken, aber auch von Gefühlen, die durch Farbe ausgedrückt werden, unterstrichen wird. Sowohl die Malerei, die im Film frisch und spontan gesetzt wirkt, ja fast noch feucht über die Leinwand zu laufen scheint, wie auch die Filmsequenzen, untermalt durch die Geräusche des kolumbianischen Komponisten Daniel Zea, schaffen einen bedrohlichen Kosmos, in dem alles aus den Fugen gerät und dennoch immer farbliche und motivische Schönheitsmomente aus der Malerei aufblitzen lässt.

Zerschnittene Sujets

Einzelbilder fragmentiert die Künstlerin, die 2010 den Manor Kunstpreis erhielt und im Kunstmuseum St. Gallen mit der Ausstellung «Contremouvements» hier letztmals zu sehen war, auch auf einer Malinstallation, die in Berlin im Rahmen des Landis & Gyr Kulturstipendiums entstanden ist. Geradezu mutig wirkt es, wie Alexandra Maurer ihre typisch leuchtenden Sujets, die von abstrakt bis hin zu körperlich gehen, durch schwarze Kohlstaubröhren unterbricht, zerschneidet. Hier fragt eine kräftig gestaltende Künstlerin auch nach dem Wesen des Bildes, nach der Stabilität und Instabilität malerischer Strategien. Sinnliches stösst auf Unheimliches, Strukturiertes auf Freies, Zerstörtes auf sich Durchsetzendes, Eruptives auf Kalkuliertes.

Motiv Lampe

Da lodern Feuer auf, organisch pflanzlich Wirkendes probiert im schwarzen Röhrengebälk wieder aufzuerstehen. Vieles fällt in sich zusammen, oder besser: wird kurz vor (oder nach?) dem Zusammenfallen gezeigt. Und doch: Vieles kann wieder aufbrechen in dieser bisweilen auch beängstigenden Formen- und Farbenlandschaft.

Fast ein wenig verloren steht an der Rückseite der Filmwand eine Zeichnung von Alexandra Maurer, realisiert mit Kohlestift auf Segel. Fein ziseliert und fast zärtlich ist aus verschiedenen kleinen Motiven ein Kronleuchter angedeutet. Aber auch er im Zustand von bedrohter Balance. «Ausgeleuchtet» heisst Alexandra Maurers spannendes Heimspiel. Und es ist das Motiv der hängenden Lampe, das einen roten Faden durch die fünf Arbeiten bildet. Eine Lampe, die in Bewegung gerät, ist oft das erste Anzeichen eines Erbebens. Gemalt hängt sie an einer anderen Wand sehr tief, und auch aus der Bildinstallation schält sie sich als Motiv heraus. Alexandra Maurer setzt künstlerisch sehr geschickt das Thema Gleichgewicht – Ungleichgewicht, das Motiv Stabilität und Zerfall um, mit einer anspielungsreichen und intelligenten Konfrontation verschiedener Medien, aber immer mit einer klaren persönlichen Bildsprache.

Bis 23.3.; Architekturforum Ostschweiz (Davidstrasse 40); Di–So, 14–17 Uhr; am So, 23.3., ist die Künstlerin zur Finissage anwesend

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