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DÉBUT: Hoffnungsreste in der Frischhaltefolie

Romana Ganzoni kreist das Heranwachsen mit zwanzig Erzählungen ein: Einfallsreich, sprachgewaltig und mit Kanten.
Romana Ganzoni lebt als freie Autorin im Oberengadin. (Bild: PD)

Romana Ganzoni lebt als freie Autorin im Oberengadin. (Bild: PD)

Erster Eindruck: Zartbitter. Zart in der Sprache, bitter im Inhalt. Zweiter Eindruck: Klagenfurtwürdig. 2014 hat es Romana Ganzoni beinahe gereicht am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Dritter Eindruck: Diese Schatztruhe voller Geschichten muss man zweimal lesen. Um der irrlichternden Ich-Erzählerin auf die Schliche zu kommen, um alle Zwischentöne auszumachen.

«Granada Grischun» gibt sich sperrig, nicht gefällig. Da stecken Widerhaken, da lauern ­Abgründe hinter vermeintlichen Idyllen. Romana Ganzoni, 1967 in Scuol geboren, hat zwanzig Erzählungen in ihr erstes Buch gebunden. In «Lippenstift» weicht Anna dem streitenden Eltern aus und flieht in Lippenstift und Märchenwelt. Dann erzählt eine Siebenjährige, wie sie Kaulquappen sammelt und ihren einzigen Freund verliert und Mutters Gummistiefel trägt, auch «in der Schule, wenn mich die Mädchen schlugen». In der dritten, der titelgebenden Geschichte, konnte Vater «tanzen wie ein Gott, aber nur wenn er ‹Öl am Hut› hatte».

Dann beginnen die Erzählungen zu oszillieren zwischen den Erschütterungen einer Kindheit im Engadin und den Nachbeben im Heute. Frei wechselt die Autorin zwischen Erzählpersonen und Erzählperspektiven, bisweilen mitten in der Geschichte und am verblüffendsten in «Der Brandherd». Immer wieder ergeht es dem Leser wie hier: «Wenn sich eine Geschichte anschleicht wie ein willkommener Dieb […], dann möchte ich mir eine grosse Seidenblume ins Haar stecken.»

Alle nannten sie «Seaina Stinki»

Romana Ganzonis Humor ist unverbraucht, und er macht das Grauen erträglich, wenn es sich anschleicht. Da setzt sich Rahel in der Turnstunde «auf den Brustkasten des Mädchens, das alle, auch der Lehrer, Seaina Stinki nannten, weil sie sich in die Hose pinkelte» und das R nicht aussprechen konnte. Und Rahel «spuckte Seraina in den Mund und schaute zu Nadja».

So viele Gesichter Romana Ganzonis Mädchen haben, so souverän variiert sie ihren as­soziativen Stil. Bis hin zum ­Bewusstseinsstrom wie in den Erzählungen «Die Katze» oder «Der Abgang». Und dann diese ungehörten bis unerhörten Wörter und Ausdrücke wie «mitten im Alpenklischee» oder letzte Blicke, die hängen «an den Wänden wie Bilder, in der Frischhaltefolie Hoffnungsreste». Dann auch dieser sympathische Herr Baumann, mit dem sich im Speisewagen – statt eine Geschichte in den Laptop zu tippen – eine Baumhütte bauen lässt.

«Ich schreibe, weil ich mich schäme zu sprechen»: Madlaina Stupan erinnert sich an diesen Satz aus der ersten Klasse. Sie hat das Studium der Theologie geschmissen, wird zur Prostituierten Magdalena de Stoppany (und nicht zur Coop-Kassiererin, wie Mutter es gewollt hatte), tritt jetzt ihre Probezeit in einer Konditorei an. Als sie um sieben auftaucht, steht da ein Gemsbock vor der Konditorei. «Ich sehe seinen Hodensack und greife nach meiner Büchse.» Zwei Kugeln. Sie betet sechs Vaterunser und trägt den Bock in die Kirche.

Dieter Langhart

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