Das Zischen der Gasflasche

Andere fotografieren nur, Marcel Gschwend alias Bit-Tuner zückt auch das Aufnahmegerät. Der St. Galler Musiker hat in Japan und China wochenlang Klänge gesammelt. Mit diesem Rohmaterial baut er seine atmosphärische Bassmusik auf.

Roger Berhalter
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Der Himmel verdunkelt sich, der Wind greift nach den Sonnenschirmen in der Gartenbeiz, die ersten Regentropfen fallen. Marcel Gschwend bleibt unbeeindruckt: «Gewittergeräusche finde ich nicht interessant. Das wurde schon tausendmal aufgenommen.» Der St. Galler Musiker schaltet sein Aufnahmegerät lieber dort ein, wo es anders klingt. In einem Restaurant in Beijing zum Beispiel, wo in der Küche eine grosse Gasflasche zischt. «Ein tolles Geräusch», schwärmt Gschwend, «es klingt fast wie ein Heissluftballon.» Vor ein paar Tagen ist er aus Fernost zurückgekehrt. Fünf Wochen waren sie unterwegs: Gschwend alias Bit-Tuner, die zwei Musiker NHK Koyxen und Feldermelder sowie die Kollegen vom Zürcher Label Hula Honeys. Der Japaner NHK Koyxen hat die Tour eingefädelt, die von Beijing über Hongkong bis nach Tokio führte.

Die Sinne sind geschärft

Auf der Tour vom 9. Mai bis zum 8. Juni hat Gschwend immer wieder sein Aufnahmegerät gezückt und Atmosphären festgehalten. «China hat nicht die interessanteren Geräusche als die Schweiz», sagt Gschwend im lauten Stimmengewirr des Cafés in Zürich, wo er seit Jahren wohnt und arbeitet. Aber jenseits der Stadtgrenzen nehme er anders wahr. «Sobald ich meine gewohnte Umgebung verlasse, sind meine Sinne geschärft.» Er hat auch schon im Tessin Vogelgezwitscher aufgenommen. Oder das Knistern eines Feuers. «Da gehe ich sehr gezielt vor.» Andere knipsen nur Fotos, Gschwend zeichnet zusätzlich «Audio-Erinnerungen» auf.

Was dabei herauskommen kann, ist auf seiner EP «The China Syndrome» zu hören, die er im Februar veröffentlichte. Auf dieser 75minütigen Klangreise, live aufgezeichnet im Zürcher «Helsinki», demonstriert Bit-Tuner, wie er die Feldaufnahmen als musikalisches Rohmaterial verwendet und damit seine Klanggebäude baut. Er nimmt minimale Beats, live gespielte Synthesizer und tiefe Bässe und reichert sie mit verhallten Stimmfetzen, mehrstimmigen Gesängen, Töffhupen, Klatschen oder Marktgeschrei an.

Das Rohmaterial muss gut sein

Doch soll Bit-Tuner jetzt nicht plötzlich nach Asien klingen. «Ich möchte nicht, dass man zum Beispiel bei einer Stimme hört, dass sie chinesisch spricht.» Es gehe ihm vielmehr darum, einem Track eine zusätzliche Dimension zu verleihen. Früher verwendete er dafür gerne Klangschnipsel von alten Schallplatten. «Die Samples waren in meiner früheren Musik dominanter. Heute lasse ich von einem Klang vielleicht noch zehn Prozent übrig.» Auch von seinen Feldaufnahmen in China verwendet er oft nur kleine Ausschnitte und findet so immer wieder Neues. Das Geschirrklappern in einem Restaurant zum Beispiel kann im Loop plötzlich zum Rhythmus werden.

Das Entscheidende dabei: «Das Rohmaterial muss gut sein.» Gschwend hält nicht viel von Überproduziertem. So wie er seine Fotos nicht bearbeitet, so legt er auch bei den Tönen nur wenig Hand an. «Man kann Klänge auch zu Tode bearbeiten.» Beim Fotografieren müsse der Bildausschnitt von Anfang an stimmen, und auch ein Geräusch müsse an sich schon spannend sein – und es nicht erst dank der passenden Effekte werden.

Das Publikum ist zurückhaltend

Fragt man ihn nach seinen jüngsten Auftritten in Fernost, reagiert Marcel Gschwend nicht gerade euphorisch. «In China erhält man kaum direktes Feedback. Ein kurzes Klatschen, fertig.» Die düstere Bassmusik ist dem chinesischen Publikum offenbar eher fremd. Doch Gschwend spricht auch von einem «zurückhaltend interessierten Publikum», was für ihn als Musiker gar keine so schlechte Ausgangslage sei. «An anderen Orten muss man sich mehr beweisen, wenn man auf der Bühne steht. In der Schweiz, zum Beispiel.» Die nächsten Destinationen hat Gschwend schon im Auge. Es zieht ihn vor allem nach Ost- und Nordeuropa. Vor allem aber hat er «Lust auf mehr Kollaborationen». Unter anderem plant er ein Theaterstück mit Live-musik in Zürich, eine neue Bit-Tuner-Show mit Visuals, und er probt bald mit Manuel Stahlberger – in dessen Band er Bass(gitarre) spielt – an neuen Stücken.

Ein Surren lenkt Gschwend ab, er blickt zum Schweisser, der auf dem Platz neben der Beiz am Werk ist. «Sehr lääss, das müsste man jetzt grad aufnehmen.»

hulahoneys.tumblr.com

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Schnappschüsse aus Fernost: Marcel Gschwend alias Bit-Tuner (links oben im Bild) hat fünf Wochen in Asien verbracht. (Bilder: Marcel Gschwend)

Schnappschüsse aus Fernost: Marcel Gschwend alias Bit-Tuner (links oben im Bild) hat fünf Wochen in Asien verbracht. (Bilder: Marcel Gschwend)

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