Das Wichtigste sind die Kontakte

Mehr als drei Jahrzehnte hat der ehemalige deutsche Bundeskanzler die Debatten mitgeprägt. Nun hat ein Mitarbeiter diese erstaunliche Karriere nach der politischen Karriere aufgearbeitet.

Rolf App
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Helmut Schmidt: diskussionsfreudig bis ins hohe Alter. (Bild: Daniel Roland/AP (Frankfurt, 2. April 2009))

Helmut Schmidt: diskussionsfreudig bis ins hohe Alter. (Bild: Daniel Roland/AP (Frankfurt, 2. April 2009))

Es ist ein Freitagnachmittag, an dem Helmut Schmidts Karriere ein Ende nimmt. An diesem 1. Oktober 1982 stellt der seit 1974 zusammen mit den Freien Demokraten als Bundeskanzler regierende deutsche Sozialdemokrat sich dem Parlament. Der Koalitionspartner hat die Seiten gewechselt, Schmidt weiss: Er hat keine Mehrheit mehr. Der sechste Bundeskanzler heisst Helmut Kohl, Schmidt ist Vergangenheit.

Allerdings fängt schon bald jene Zukunft an, die Schmidt, befreit von Ämtern und Würden, zu einer weithin gehörten Stimme politischer Debatten werden lässt, und zwar bis zu seinem Tod am 10. November 2015. Im hohen Alter. Denn am 23. Dezember wäre er 97 Jahre alt geworden.

Manchmal sagt Schmidt: «Das ist mir viel zu privat.»

28 Jahre lang hat Thomas Karlauf mit ihm zusammengearbeitet und fast alle seine Buchprojekte betreut. Als Schmidt sich deshalb 2014 fragt, warum kein Historiker sich so recht für das interessiere, was er nach seinem Ausscheiden aus dem Amt gemacht habe, denkt Karlauf nicht lange nach und erklärt, er würde sich so etwas zutrauen.

Regelmässig führen sie nun Gespräche, manchmal sagt Schmidt: «Das ist mir alles viel zu privat.» Darüber hinaus bekommt Karlauf freien Zugang zu Schmidts umfangreichem Archiv. Wann das Buch denn erscheinen solle, fragt er. Zeitnah zum Tod, erklärt Karlauf. Jetzt ist es da.

«Machen Sie ihn bloss nicht zu einem Heiligen», hat eine von Schmidts Verehrerinnen ihm auf den Weg gegeben. Und in der Tat: Thomas Karlauf bleibt nüchtern, distanziert, was Helmut Schmidts Naturell sehr entspricht. Er eröffnet sein Buch mit Schmidts Abwahl, lässt noch einmal jene Bitternis deutlich werden, die sich zwischen Schmidt und seiner Partei in den Jahren vor der Abwahl angesammelt hatte. Schmidt versteht den Widerstand gegen die Atomenergie ebenso wenig wie die Friedensbewegung. Und Willy Brandt, sein Vorgänger im Amt und jetzt mächtiger Parteivorsitzender, entwickelt sich zum Gegenpol. «Du solltest der Partei manchmal noch stärker den Eindruck vermitteln, dass du um sie wirbst und dich mit dem identifizierst, was sie in ihrer grossen Mehrheit darstellt», rät Brandt. Schmidt fällt das schwer, zumal er nicht frei ist von einer gewissen Arroganz. So ist er ganz froh, kann er eigene Wege gehen.

Schon bald kommt die Anfrage: Ob er nicht Mitherausgeber der angesehenen Wochenzeitung «Die Zeit» werden wolle. Honorar: 10 000 Euro im Monat. Ausmass des Engagements: von ihm selber zu bestimmen. Der «Zeit»-Verleger Gerd Bucerius will, dass Schmidt die Redaktion zähmt. Er selber will es auch. Aber die Redaktion tritt ihm sehr selbstbewusst entgegen. So bleibt es bei langen Beschwerdebriefen an den Chefredaktor, die zu verfassen Schmidt schon bald bleiben lässt.

Er will noch immer Bescheid wissen

Helmut Schmidt will ein Elder Statesman werden; einer, der noch immer Bescheid weiss und die Entwicklungen jenseits der Parteipolitik verfolgt. Das Wichtigste sind die Kontakte zu Entscheidungsträgern. Sie pflegt er ebenso intensiv wie seine Freundschaften, und von beidem zeugt ein grosses Briefarchiv. Regelmässig trifft sich bei ihm zu Hause in Hamburg die «Freitagsgesellschaft», zu der etwa der Schriftsteller Siegfried Lenz gehört. Sie lädt immer wieder Gäste ein, die über ihr Fachgebiet referieren.

Schmidt reist viel, besonders oft und gern besucht er die USA. Und er hat einen kontinuierlichen Draht nach China. Es sind grossenteils ehemals Mächtige, mit denen ihn Freundschaft verbindet. Etwa Henry Kissinger, über dessen Politik er dennoch sehr scharf urteilt. Eine Ausnahme gibt es: Regelmässig trifft Schmidt den französischen Staatspräsidenten Mitterrand.

Ist er in Hamburg, dann nimmt Helmut Schmidt an den Debatten in der «Zeit»-Redaktion teil. Dabei ist «für viele überraschend, dass der neue Herausgeber nicht autoritär auftrat, sondern offen diskutierte», schreibt Karlauf. «Schmidt konnte sehr gut zuhören, auch und gerade dann, wenn jüngere Mitarbeiter sich zu Wort meldeten.» Das Wissen verwertet er in Artikeln, in Büchern, vor allem aber in Vorträgen, für die er stattliche Honorare verlangt. Die grossen Konflikte sind eines seiner bevorzugten Themen, weiter weltwirtschaftliche Fragen. Schliesslich, geprägt auch von seiner Zeit in der Wehrmacht, die Auseinandersetzung um deren Rolle im Nationalsozialismus. Bis zuletzt wendet er sich auch entschieden gegen die Meinung, alle hätten gewusst, was vor sich gegangen sei in Konzentrationslagern.

Die vollkommene Übereinstimmung

«Das ist mir alles viel zu privat»: Was Helmut Schmidt im Gespräch manchmal sagt, gilt auch für das allerletzte Kapitel. Am 21. Oktober 2010 stirbt Loki, seine Frau, die er schon in der Schule kennengelernt hat. Die vollkommene Übereinstimmung mit ihr sei ihm «im Laufe der Jahre zu einer Selbstverständlichkeit geworden», schreibt er vier Jahre später in einem Buch über die Menschen, die sein Leben geprägt haben. Dass er ein Kapitel seiner Frau widmet, ist allerdings nicht ihm in den Sinn gekommen, sondern seiner Tochter Susanne. Die hat gegenüber dem «Stern» auf die Frage, ob man auch über Seelisches habe reden können, gesagt: «Na, gucken Sie sich ihn doch an. Würden Sie denken, dass er einer ist, mit dem man ständig über Befindlichkeiten redet?»

Thomas Karlauf: Helmut Schmidt – Die späten Jahre, Siedler 2016, 542 S., Fr. 38.90

Thomas Karlauf: Helmut Schmidt – Die späten Jahre, Siedler 2016, 542 S., Fr. 38.90