Das weibliche Prinzip: In den Ostschweizer Kunstmuseen kommen 2020 die Frauen zum Zug

Ein Überblick über die wichtigsten Ausstellungen in der Region zeigt, dass die Ostschweizer Künstlerinnen in diesem Jahr sehr gut vertreten sind.

Christina Genova
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Charlotte Kluge-Fülschers Selbstbildnis stammt von 1956.

Charlotte Kluge-Fülschers Selbstbildnis stammt von 1956.

(Bild: PD/Thurgauer Kunstmuseum)

2020 dominieren in den Museen der Region die Ostschweizerinnen. «Frauen erobern die Kunst» lautet der programmatische Titel, den das Thurgauer Kunstmuseum der Ausstellung im Rahmen von «Thurgauer Köpfe» gibt, der ersten, sechs Thurgauer Museen umspannenden Schau (ab 25. April). Es werden Werke von Ostschweizer Künstlerinnen gezeigt, die zwischen 1880 und 1980 ihre Position im kulturellen Leben der Ostschweiz erkämpften. Dazu zählen Helen Dahm, Martha Haffter oder Charlotte Kluge-­Fülscher.

Ida Baumann zählt zu den Ostschweizer Künstlerinnen, die in Vergessenheit geraten sind. Diese Appenzellerin malte sie um 1894. Das Gemälde wird im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen zu sehen sein.

Ida Baumann zählt zu den Ostschweizer Künstlerinnen, die in Vergessenheit geraten sind. Diese Appenzellerin malte sie um 1894. Das Gemälde wird im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen zu sehen sein.

(Bild: PD/HVMSG

Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen verfolgt in seiner Ausstellung «Berufswunsch Malerin!» ab Ende August ein ähnliches Ziel. Es werden elf Ostschweizer Künstlerinnen vorgestellt, die alle im 19. Jahrhundert geboren wurden und heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Darunter ist die erste namentlich bekannte St.Galler Malerin Anna Elisabeth Kelly oder Martha Cunz, die sich einen Namen mit Farbholzschnitten machte.

Zwei Köpfe von Linda Naeff. Sie verarbeitete in ihren Werken unter anderem die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter und ihre fünf Fehlgeburten.

Zwei Köpfe von Linda Naeff. Sie verarbeitete in ihren Werken unter anderem die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter und ihre fünf Fehlgeburten.

Um Mütter und Mutterschaft geht es in der Doppelausstellung der Autodidaktinnen Linda Naeff und Maria Rolly im St.Galler Museum Lagerhaus, die ab März zu sehen ist.

Die Kunstzone als Bühne und zweimal Emma Kunz

 Eine Arbeit von Almira Medaric. Mehr von der Wahlthurgauerin im Kunstverein Frauenfeld ab dem 19. April.

Eine Arbeit von Almira Medaric. Mehr von der Wahlthurgauerin im Kunstverein Frauenfeld ab dem 19. April.

(Bild: PD/Kunstverein Frauenfeld)

Die Kunsthalle Wil, die neu von Sonja Rüegg kuratiert wird, stellt 2020 ausschliesslich Schweizerinnen aus, darunter im Herbst die Thurgauer Videokünstlerin Olga Titus. Zwei weitere Thurgauerinnen bekommen in diesem Jahr eine Einzelausstellung ausgerichtet: Sonja Lippuner, die in Basel lebt, in der Kunsthalle Arbon (ab 4. April), und Almira Medaric, die Trägerin des Adolf Dietrich-Förderpreises 2017, im Kunstverein Frauenfeld (ab 19. April).

Eine der geheimnisvollen Pendelzeichnungen auf Millimeterpapier von Emma Kunz.

Eine der geheimnisvollen Pendelzeichnungen auf Millimeterpapier von Emma Kunz.

(PD/Emma Kunz Zentrum Würenlos

Eine Frau, die sich selbst nicht als Künstlerin verstand, heute aber in der internationalen Kunstwelt grosse Beachtung findet, ist Emma Kunz. Die Heilpraktikerin und Visionärin lebte von 1951 bis zu ihrem Tod 1963 in Waldstatt. Mit Hilfe eines Pendels schuf sie mehr als 400 geometrische Bilder auf Millimeterpapier. Im Kunstmuseum Appenzell wird ab Ende April ihr zeichnerisches Werk erstmals in der Ostschweiz gezeigt und in den Dialog gestellt mit zeitgenössischer Kunst, darunter Werken der Ostschweizer Kunstschaffenden Roswitha Gobbo, huber.huber und Bernard Tagwerker. Eine ähnlich ausgerichtete Schau gibt es im Herbst im Aargauer Kunsthaus.

Manons legendäre Serie «La dame au crâne rasé» ist in der Schweizer Fotostiftung zu sehen.

Manons legendäre Serie «La dame au crâne rasé» ist in der Schweizer Fotostiftung zu sehen.

(Bild: PD)

Das vielfältige Oeuvre der gebürtigen St. Gallerin Manon dreht sich im Kern um Schönheit und Vergänglichkeit. Zu ihrem 80. Geburtstag richtet ihr die Fotostiftung Schweiz in Winterthur eine Ausstellung aus mit legendären Werkserien wie «La dame au crâne rasé», aber auch weniger bekannte Arbeiten.

Am 12. September feiert das St. Galler Kulturzentrum Lokremise sein zehnjähriges Jubiläum. Das Kunstmuseum liefert mit «La città irreale» die Ausstellung dazu (ab 11. Juli). Begehbare Skulpturen von sechs Kunstschaffenden werden zur Bühne für das erste Stück einer eigens dafür geschriebenen Serie des Theaters St. Gallen. Das Kinok ist ebenfalls Teil der spartenübergreifenden Kooperation. Eine Figurengruppe Alex Hanimanns wird die Schau in den städtischen Raum erweitern.

Auch die Kunsthalle St.Gallen wagt eine Premiere: Zum ersten Mal findet am 28. März ein Tag der offenen Tür statt. Versprochen wird ein reichhaltiges und unterhaltsames Programm, das dem Austausch zwischen Kunstschaffenden und dem Publikum dienen soll.

Konzeptuelle Malerei und zwei Appenzeller

Adrian Schiess lässt seine Bodenplatten mit Autolack besprayen. Der Zürcher Künstler erhält im Kunstmuseum St.Gallen eine Einzelausstellung.

Adrian Schiess lässt seine Bodenplatten mit Autolack besprayen. Der Zürcher Künstler erhält im Kunstmuseum St.Gallen eine Einzelausstellung.

(PD/Adrian Schiess)

Neben all den Frauen sind auch spannende Einzelausstellungen von Männern programmiert: Der Zürcher Adrian Schiess zeigt im Kunstmuseum St. Gallen ab dem 16. Mai seine Gemälde, die nicht für die Wände, sondern für den Boden bestimmt sind. Ende Februar eröffnet das Kunstmuseum Liechtenstein eine umfassende Retrospektive Steven Parrinos (1958–2005). In der Tradition der radikalen Malerei entwickelte er dreidimensionale Bilder, indem er bemalte Leinwände verdrehte und danach neu aufzog.

José Guimarães ist einer der bekanntesten Künstler Portugals. Das Forum Würth in Rorschach zeigt eine grossangelegte Ausstellung seiner Werke.

José Guimarães ist einer der bekanntesten Künstler Portugals. Das Forum Würth in Rorschach zeigt eine grossangelegte Ausstellung seiner Werke.

(Bild: PD)

Ganz anders arbeitet José de Guimarães. Seine farbenfrohen Gemälde sind von Volkskunst inspiriert. Das Forum Würth in Rorschach zeigt sie ab dem 27. März. Freuen darf man sich auf die Ausstellung Peter Fischlis, der nach dem Tod seines Partners David Weiss 2012 weiterhin künstlerisch tätig ist. Im Kunsthaus Bregenz sind im Frühling neue Arbeiten zu sehen, die zum Teil speziell für den Ort entwickelt werden.

Der Schneemann von Fischli/Weiss wurde 1987 entwickelt. im Kunsthaus Bregenz werden neue Arbeiten von Peter Fischli zu sehen sein.

Der Schneemann von Fischli/Weiss wurde 1987 entwickelt. im Kunsthaus Bregenz werden neue Arbeiten von Peter Fischli zu sehen sein.

(Bild: PD/KUB

Fern der Ostschweiz finden schliesslich zwei interessante Ausstellungen von zwei Appenzellern statt: Das Bündner Kunstmuseum zeigt erstmals in grossem Umfang Zeichnungen Roman Signers. Und das Luzerner Kunstmuseum stellt im Herbst unter dem Titel «Eis» Fotografien des vor 20 Jahren verstorbenen Andreas Züst aus.

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