Das Wallis, das Wort und die Welt

Das 21. Internationale Literaturfestival Leukerbad hat erneut zur literarischen Sicht auf den Menschen eingeladen. Und mit Gesprächen über Essay und Reportage zur engagierten, journalistischen Weltschau.

Dieter Langhart
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A. Muschg, J. Ph. Reemtsma. (Bild: Dieter Langhart)

A. Muschg, J. Ph. Reemtsma. (Bild: Dieter Langhart)

Der Dorfladen hat Pech – keiner will die spanischen Aprikosen kaufen, und die Walliser sind noch nicht so weit. Die Leitung des Literaturfestivals Leukerbad hat ebenfalls Pech – vier Autorinnen und ein Autor müssen aus gesundheitlichen Gründen absagen, unter ihnen Barbara Köhler und Monique Schwitter. Und Pech haben jene Besucherinnen, die in der Galerie St. Laurent keinen freien Zentimeter mehr finden zum Sitzen, Stehen, Kauern.

Das Leiden und die Tränen

Denn sie hören Adonis nicht lesen, den Wortgewaltigen aus Syrien, spüren nicht seine sanfte Kraft aus der Tiefe, getragen von 86 Jahren Liebe zu seinem schwer verletzten Land. Und sie sehen nicht die Tränen in seinen Augen, in aller Augen, die Tränen auch in Thomas Sarbachers Augen, der dem Poeten seine deutsche Stimme leiht.

Diese Nähe und Vertrautheit über Länder- und Sprachgrenzen hinweg ist immer wieder zu spüren in Leukerbad, auch wenn das Literaturfestival Jahr für Jahr gewachsen ist seit der ersten Austragung 1996 und ein wenig von seiner Intimität verloren hat. Auch von seiner Gelassenheit, die es erlaubte, sich nach einer Lesung zu einer Autorin wie A. L. Kennedy ins Dorfcafé zu setzen und im Zwiegespräch die von ihr ausgelegten Fäden weiterzuspinnen. Noch platzt Leukerbad nicht aus den Nähten, doch bei den grossen Namen wird es eng.

Über das Einmischen reden

Bei Lukas Bärfuss und Eliot Weinberger etwa oder bei Adolf Muschg und Jan Philipp Reemtsma, auch bei Jonas Lüscher und Youssef Rakha, Pankaj Mishra und dem Fotografen Daniel Schwartz. Was sie eint? Dass sie sich nicht oder nicht nur literarisch äussern, dass sie sich kultur- und gesellschaftspolitisch einmischen mit Essays und Reportagen und «Geschichtsbildern» aus der Kamera. Diesem weiten Feld zwischen Journalismus und Literatur haben sich die Perspektiven-Gespräche des 21. Literaturfestivals gewidmet.

«Ich erfinde nichts»

«Meine Essays sind unpersönlich», sagt der New Yorker Eliot Weinberger, «ich erfinde nichts, obwohl Informationen unwahr sein können.» Lukas Bärfuss dagegen nutzt primär seine (kritisch gefilterte) eigene Erfahrung als Inspiration. Sein Fazit aus der Diskussion: «Essays suchen Antworten auf Fragen und finden doch nur neue Fragen.»

Adolf Muschg und Jan Philipp Reemtsma geben sich eher theoretisch (jener war Professor, dieser ist es noch), schweifen gern in die Literatur ab. Der Schweizer hat die Kunst bei den Anglisten gelernt, beim Deutschen sind Essays oft abgedruckte Vorträge. Reemtsma: «Seit Michel de Montaigne geht es um die subjektive Äusserung, damit der Leser den Stoff interessant findet.» Das gelte ebenso für engagierte Reportagen, resümieren Pankaj Mishra und Daniel Schwartz ihr Gespräch mit Daniel Puntas Bernet, dem Herausgeber der Reihe «Reportagen» (siehe Beitrag in der gestrigen Ausgabe).

Flucht aus religiösem Zwang

Sonntag, Ausklang im Garten des Hotels Les Sources des Alpes. Beklemmende Stille, als Deborah Feldman aus ihrem Débutroman «Unorthodox» liest. Kein Buch, kein Make-Up, keine Ahnung von ihrem Körper, kein eigener Wille: Alltag einer jungen Jüdin in New York. Nach der arrangierten Heirat, sie ist siebzehn, flieht sie aus der fundamental-religiösen Satmarer Sekte, wird geächtet. «Ich will die Frau sein, die sich kennt.» Ein Mensch, der selber denkt und fühlt.

Fr–So, 30.6.–2.7.2017 www.literaturfestival.ch

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