«Das Virus schleicht sich nicht in mein Schreiben»: Die Thurgauer Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse über Literatur in Coronazeiten

Wer das Gefühl habe, sofort auf die aktuelle Situation literarisch reagieren zu müssen, der verstumme. Die im Thurgau lebende Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse über das Schreiben in Pandemie-Zeiten, warum ihr Lesungen fehlen und weshalb sie über Männer schreibt.

Julia Nehmiz
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An ihrem Schreibtisch geht es ihr immer gut: die Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse in ihrem Haus im thurgauischen Müllheim.

An ihrem Schreibtisch geht es ihr immer gut: die Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse in ihrem Haus im thurgauischen Müllheim.

Bild: Reto Martin

Die im Thurgau lebende Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse schreibt an einem «Fortsetzungsroman» des Aargauer Literaturhauses Lenzburg, den dieses den dieses zum Lockdown ins Leben rief und online veröffentlicht. Doch Corona kommt in ihrem Text nicht vor.

Wie ist es, einen kleinen Teil einer Fortsetzungsgeschichte zu schreiben?

Zsuzsanna Gahse: Ich habe es gerne gemacht und finde die Idee des Aargauer Literaturhauses sehr gut. Alle Autorinnen und Autoren müssen dem nächsten Autor ein Wort weiterreichen, das dann im folgenden Text wieder vorkommt. Diese Staffelübergabe gefällt mir. Und ich konnte mit dem mir überreichten Wort «Fleischwolf» gut etwas anfangen.

Welche Assoziationen haben Sie zum Wort «Fleischwolf»?

Als Mädchen hatte ich einen Traum: Ich musste mich vor einem riesigen Fleischwolf anstellen, kurz vor dem Einstieg bin ich erwacht. Das ist ein heftiges Bild, ein Urbild, das wohl auch andere kennen.

Für das Literaturhaus haben Sie auch über einen Mann geschrieben?

Ja, ich beschreibe einen Mann und seine gute Gehweise. Viele Autorinnen schreiben gerne über Frauenfiguren. Mir fehlt, dass man über nicht-bösartige Männer schreibt, es braucht auch positive Männerbilder in der Literatur.

Corona kommt nicht vor?

Nein. Das Virus schleicht sich nicht in mein Schreiben. Nur, dass man eine leere Strasse zu sehen bekommt. Wenn man das Gefühl hat, man müsse sofort auf die aktuelle Situation literarisch reagieren, verstummt man.

Wie wirkt sich der Lockdown auf Ihren Alltag aus?

Es geht mir sehr gut an meinem Schreibtisch, dort geht es mir immer gut. Ich geniesse die Ruhe, muss nicht hin- und herspringen. Auf mein tägliches Erleben hat die Coronapandemie kaum Einfluss. Ich höre natürlich oft Nachrichten und möchte Bescheid wissen. Aber ich finde es nicht schön, dass so viele Lesungen wegfallen. Mein Buch «Schon bald», das letzten Herbst erschienen ist, und auch das neue, in dem meine Salzburger Poetikvorlesungen veröffentlicht wurden, kann ich nun nicht vorstellen. Es ist ein Fiasko, dass die Bücher so erstickt werden.

Zsuzsanna Gahse stellte im August 2019 «Schriftbilder» im Kunstraum Kreuzlingen aus.

Zsuzsanna Gahse stellte im August 2019 «Schriftbilder» im Kunstraum Kreuzlingen aus. 

Bild: Donato Caspari

Dann brechen Ihnen auch Einnahmen weg?

Ja, sicher. Dieses Schicksal teile ich mit einigen Kolleginnen und Kollegen. Aber was mir noch mehr fehlt: Ich mag Lesungen! Mir fehlt das Publikum, der direkte Austausch, es ist schön, den Atem der Zuschauer zu hören.

Digital ist da kein Ersatz?

Digitaler Austausch ist besser als gar keiner, aber es ist kein Ersatz. Das Reale, das Wirkliche, das kann man online nicht erleben. Ich hoffe sehr, dass die Solothurner Literaturtage stattfinden können, ich habe mehrere Einladungen für Lesungen dort. Ich hatte so eine Vorfreude.

Ursprünglich als Lockerungsübung gedacht, fügen sich die Schreibskizzen von Zsuzsanna Gahse zu Bildern - gezeigt wurden sie 2019 im Kunstraum Kreuzlingen.

Ursprünglich als Lockerungsübung gedacht, fügen sich die Schreibskizzen von Zsuzsanna Gahse zu Bildern - gezeigt wurden sie 2019 im Kunstraum Kreuzlingen.

Bild: Donato Caspari

Das Virus greifen Sie literarisch nicht auf. Was denn dann?

Mir fallen ganz viele andere Themen ein. Vor Jahren habe ich in Venedig einen bildenden Künstler kennengelernt, der fünf Tagebücher gleichzeitig führte. Damals hat mich das verwundert: Nach welchen Gesichtspunkten sortiert man Impressionen? Jetzt überlege ich, warum führt man nicht zehn Tagebücher, und splittet diese nach Themen auf? Schreiben ist für mich Kommunikation. Ich schreibe seit Jahren so, dass die Kommunikation eine wichtige Rolle spielt, auch mit früheren Autoren. Immer wieder greift man Splitter von Anregungen auf. Deswegen gefällt mir auch die Anregung des Aargauer Literaturhauses so gut: Die Fortsetzungsgeschichte ist Kommunikation.

Das Aargauer Literaturhaus Lenzburg veröffentlicht auf seiner Homepage einen Fortsetzungsroman, den mehrere Schriftstellerinnen und Schriftsteller miteinander-nacheinander schreiben. Der Beitrag von Zsuzsanna Gahse wurde am 27.März veröffentlicht. Von Gahse, die 2019 mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet wurde, erschienen soeben ihre Salzburger Poetikvorlesungen «Andererseits» und im Herbst 2019 «Schon bald».

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