Das verlorene Paradies

Die Ausstellung über Paul Gauguin in der Fondation Beyeler ist eine Schau der Superlative. Sie zeigt 50 Werke des französischen Künstlers und thematisiert in einem Multimediaraum seinen aussergewöhnlichen Lebensweg.

Florian Weiland
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Die Tahiti-Bilder haben Paul Gauguin zum Mythos gemacht – hier «Aha oe feii? («Wie! Du bist eifersüchtig?») aus dem Jahr 1892. (Bild: pd)

Die Tahiti-Bilder haben Paul Gauguin zum Mythos gemacht – hier «Aha oe feii? («Wie! Du bist eifersüchtig?») aus dem Jahr 1892. (Bild: pd)

Den Titel des Bildes hat Paul Gauguin direkt auf das Gemälde geschrieben: «Aha oe feii?», auf deutsch: «Wie! Du bist eifersüchtig?», und man fragt sich unwillkürlich, ob diese Worte die eine Frau auf dem Bild zu der anderen sagt oder ob sie sich nicht direkt an den Betrachter richten. Eifersüchtig worauf? Auf den Künstler, der, als er dieses Bild malt, auf Tahiti lebt und uns glauben macht, er hätte das Paradies auf Erden gefunden? Der uns eine schöne, heile, von der westlichen Zivilisation unberührte Welt zeigt, wo sich nackte, exotische Schönheiten ungezwungen räkeln?

Die Wirklichkeit sah anders aus. 1891 war Paul Gauguin (1848–1903) in die Südsee aufgebrochen. Voller Hoffnung und Idealismus. Doch schon bald muss er resigniert feststellen, dass der Kolonialismus längst auch von Tahiti Besitz ergriffen hat. Das irdische Paradies ist verloren. Aber in den Bildern von Paul Gauguin feiert es seine Wiederauferstehung.

Das teuerste Bild der Welt

Mit einer über sechs Jahre dauernden Vorbereitungszeit ist die Schau, die rund 50 Werke umfasst, das bisher aufwendigste Ausstellungsprojekt in der Geschichte der Fondation Beyeler, die Besucherrekorde erwartet. Superlative, wohin man auch schaut. Allein die Versicherungssumme beträgt 2,5 Milliarden Franken. Leihgaben aus 13 Ländern konnten gewonnen werden, besonders stolz ist man, dass auch eine Gruppe hochkarätiger Werke aus St. Petersburg und Moskau darunter sind.

Ebenfalls zu sehen: Gauguins Gemälde «Nafea faa ipoipo/Wann heiratest Du?», das soeben für den Rekordpreis von 300 Millionen Dollar verkauft wurde und damit das teuerste Kunstwerk der Welt ist. Die Fondation dürfte gegen die zusätzliche weltweite mediale Aufmerksamkeit nichts einzuwenden haben. Ein herber Verlust hingegen für Basel, wo das Gemälde aus der Sammlung Rudolf Staechelins bislang als Dauerleihgabe im Kunstmuseum zu sehen war. Nun geht es nach Qatar.

Ein Leben wie ein Roman

Gauguins Leben ist spannend wie ein Roman. Es sei, schwärmt Kurator Raphaël Bouvier, von «Leidenschaft und Abenteuergeist» geprägt. Der schillernden Biographie des Künstlers trägt die Ausstellung Rechnung. In einem Multimediaraum wird sein aussergewöhnlicher Lebensweg ausführlich thematisiert. Gauguin verbringt seine Kindheit in Peru, reist als Seemann der Handelsmarine um die Welt und versucht sich als Börsenhändler. Er ist Mitglied der Künstlerkommune im bretonischen Pont-Aven und wird Vincent van Goghs «WG-Partner» in Arles. Schliesslich treibt ihn die unstillbare Sehnsucht nach einer ursprünglichen Welt in die Südsee. Gauguin ist somit einer der ersten Aussteiger. Seine Malerei wird zu einem Akt der Selbstfindung. In Tahiti entdeckt er eine neue Form von Sinnlichkeit, Ursprünglichkeit und Freiheit für die moderne Kunst. Glücklich wird er nicht. Verarmt kehrt Gauguin bereits 1893 nach Frankreich zurück. Doch nur zwei Jahre später zieht es ihn erneut in die Karibik. Seine letzten Jahre verbringt er auf der Marquesasinsel Hiva Oa. Krank, mittellos und dem Alkohol verfallen.

Bilder und Skulpturen

Die Ausstellung beginnt mit den Arbeiten, die noch in der Bretagne entstehen. Gauguins Frühwerk bleibt ausgeblendet. Der Künstler begeistert sich für die bretonische Volksfrömmigkeit. Ein erster Höhepunkt ist das Gemälde «Die Vision der Predigt», das mit seinen leuchtenden Farben, starken Kontrasten und klaren Formen beeindruckt. Auf einer roten Wiese ist eine Gruppe bretonischer Frauen im Gebet zu sehen. Das biblische Geschehen ist in den Hintergrund gerückt, wo Jakob mit dem Engel kämpft. Die Ausstellung präsentiert mehrere Selbstporträts Gauguins, darunter das hünenhafte «Selbstporträt mit Palette» von 1893, dem – ein netter Einfall – eine Originalpalette des Künstlers gegenübergestellt wird. Dazu eine Auswahl seiner Skulpturen. Höhepunkt hier Gauguins Version der tahitianischen Todesgöttin «Oviri».

Gebrochene Idylle

Im Mittelpunkt aber stehen die Bilder, die Gauguin zum Mythos gemacht haben. Die Tahiti-Bilder. Darunter auch Gauguins monumentales Hauptwerk «Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?» oder die «Barbarischen Erzählungen», eine Leihgabe aus dem Essener Folkwang Museum. Das Gemälde, ein Jahr vor Gauguins Tod entstanden, zeigt zwei verführerische Frauen mit nackten Brüsten. Doch die idyllische Szene wird gebrochen. Aus dem Traum vom Paradies wird ein Albtraum. Links hat sich eine koboldartige, kauernde Figur ins Bild geschlichen. Auch im Garten Eden, warnt uns Gauguin, ist der Tod nicht fern.

Fondation Beyeler, Riehen/Basel, bis 28. Juni. Täglich 10–18 Uhr, Mi bis 20 Uhr. Wegen des erwarteten Andrangs ist eine Online-Reservierung der Tickets zu empfehlen. www.fondationbeyeler.ch

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