Das Trauma einer Totgeburt steht am Beginn der Literatur von Anna Ruchat

Es ist ein Dilemma: Anna Ruchats Erzählungen sind preisgekrönt, aber italienischsprachig. Die Schweizerin ist dank dem Limmat Verlag nun mit dem grandiosen Erzählband «Neptunjahre» zu entdecken.

Hansruedi Kugler
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Die Schweizer Schriftstellerin Anna Ruchat lebt im norditalienischen Pavia und lehrt an der Übersetzerschule in Mailand. Sie hat 2019 für ihren neuen Erzählband einen eidgenössischen Literaturpreis erhalten.

Die Schweizer Schriftstellerin Anna Ruchat lebt im norditalienischen Pavia und lehrt an der Übersetzerschule in Mailand. Sie hat 2019 für ihren neuen Erzählband einen eidgenössischen Literaturpreis erhalten.

Maurice Haas

Italienisch müsste man perfekt können! Dann wäre man nicht auf mutige Verleger nördlich des Gotthard angewiesen. Selbst eidgenössische Literaturpreise garantieren keine Übersetzungen. Dass die 1959 in Zürich geborene und in Pavia lebende Anna Ruchat aber 2019 für ihren aktuellen Erzählband «Gli anni di Nettuno sulla terra» einen erhalten hat, ist hochverdient. Ihre Erzählungen «gehören zu den besten Beispielen der Micro- oder Biofiction in der aktuellen europäischen Literatur», schrieb die Jury.

Auf wenigen Seiten fängt sie ganze Lebensschicksale von gebrochenen Figuren ein. Es sind Geschichten von weiblicher Selbstbestimmung, Auswanderung und lebensunfähigen Intellektuellen, sie erzählen vom Trauma von Totgeburten, fehlenden Vätern, verhärmten Müttern, von Demenz und Aufopferung. Meisterhaft sind der raffinierte Aufbau der Erzählungen, die präzise Schilderung von Szenerie und Empfindungen sowie ihr phänomenales Einfühlungsvermögen.

Ihre Minidramen spiegeln das Grosse im Kleinen

Da erzählt etwa eine alte Dame in der Januarkälte in einem Zürcher Tram einem Sitznachbarn von der Seegfrörni 1963, ihrem im See ertrunkenen Mann und ihrem Neugeborenen. Dass sie mit Pantoffeln unterwegs ist, erwähnt Ruchat, eine Meisterin der Andeutung, beiläufig. Am Ende stellt sich heraus, dass der Sitznachbar Assistenzarzt der Psychiatrie ist, der sie in der Stadt gesucht hat. Das Neugeborene hatte die Frau damals in ihrer Verzweiflung erfrieren lassen wollen. Kindsentzug und Psychiatrie waren die Folge.

Unter den zwölf Erzählungen finden sich eine Miniatur eines Dementen, dessen einziger Erinnerungshalt der Heiligenkalender ist, oder ein Bericht einer jungen Italienerin, die als Haushaltshilfe in Zürich entdeckt, dass ihr Arbeitgeber vermutlich seine Kinder missbraucht – alles erzählt mit subtilen Stimmungsbeschreibungen.

Wurde ursprünglich auf italienisch geschrieben: Der neue Roman «Neptunjahre» von Anna Ruchat.

Wurde ursprünglich auf italienisch geschrieben: Der neue Roman «Neptunjahre» von Anna Ruchat.

Bild: zvg

Herausragend und originell ist zudem die Komposition des Buches. Dem Jahreslauf folgend, stellt Anna Ruchat ihren zwölf Kurzgeschichten jeweils eine Notiz aus dem Weltgeschehen voraus, spiegelt und kontrastiert so das Kleine im Grossen.

Zu Frauenmord, Mafia und Krieg, aber auch zur Einführung des Tages der Frau oder zu der ersten Bundestagswahl nach der deutschen Wiedervereinigung schreibt sie spielerische Kontraste. Zur Seegfröni stellt Anna Ruchat etwa die Gründung der Gesellschaft für Gartenkultur als Notiz voran. Dass die Frau mit einer Gartenhacke das Eis des Sees aufschlagen wollte, um sich und ihr Kind mit dem ertrunkenen Gatten zu vereinen, ist eine herzzerreissende Pointe. Es ist aber vor allem atemberaubend, ohne je rührselig zu werden. Grosse Kunst also.

Der Schatten des toten Vaters über ihren Büchern

Mit einer solch engen, traumatischen Verknüpfung von Geburt und Tod beginnen alle drei Erzählbände von Anna Ruchat. Vielleicht kann das nur eine Frau so eindringlich schreiben. Kaum geboren, schlägt der Tod die Tür der Welt zu und überlässt die Figuren ihrem als sinnleer empfundenen Dasein und ihrem oft versteinerten Überlebenswillen. Anna Ruchat spiegelt vor allem im Erzählband «Schattenflug» über ihren 1960 beim Absturz seines Kampfjets verstorbenen Vaters, da war sie noch ein Säugling, mit Zorn an der Existenzphilosophie von Albert Camus, den ihr Vater bewunderte: «Ich suche dich weiter, wider jegliche Kapitulation vor der Absurdität der Existenz.» Der abwesende Vater findet sich als Leitmotiv in vielen ihrer Erzählungen.

Ein eigener Ton mit Anleihen an Paul Celan

Anna Ruchat, von Beruf Übersetzerin, die unter anderem Paul Celan und Thomas Bernhard ins Italienische übersetzt hat, begann ihre eigene Literatur noch drastischer: Es ist die Totgeburt, die ihre Literatur von Anfang an mitbestimmt. Mit der atemberaubenden Erzählung «Weisse Trauer» startete vor 15 Jahren ihr Erzählband «Die beiden Türen der Welt». Minuziös erzählt sie darin von einer Hochschwangeren, deren Mädchen bei der Geburt wegen eines Herzfehlers stirbt. Wie die Autorin zwischen innerem Monolog und distanziertem Erzählstil pendelt, Sehnsucht, Angst und Leere beschreibt und mit Zeitsprüngen sich dem Schicksalsschlag annähert, wurde schon damals als grossartig bewertet.

In ihrer präzisen, verdichteten Sprache finden sich Anleihen an Paul Celans Lyrik. Ihre Figur empfindet Schwangerschaft als «schwarzen Mantel aus Schlaf und Unruhe», das Totgeborene findet «stumme Ruhe in der steinernen Wiege». Der Schillerpreis war verdientes Lob. Der eidgenössische Literaturpreis 2019 ebenso.

Bücher von Anna Ruchat:
- Neptunjahre, Erzählungen, übersetzt von Barbara Sauser, Limmat Verlag 2020, 140 Seiten.
- Die beiden Türen der Welt. Vier Erzählungen, übersetzt von Franziska Kristen, Rotpunkt Verlag 2006, 107 Seiten.
- Schattenflug, übersetzt von Maja Pflug und Jacqueline Aerne, Limmat Verlag 2012, 93 Seiten.

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