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Spurlose verschwundene Kinder: Zwei Romane thematisieren ein schwieriges Thema

Spurlos verschwundene Kinder stürzen Eltern und Geschwister in existenzielle Not. Zwei aktuelle Romane schildern atemberaubend diese emotionale Hölle – ganz ohne kriminalistischen Voyeurismus.
Hansruedi Kugler
Entführt, abgehauen, verunfallt, ertrunken? Bleibt ein Kind unauffindbar, reisst das tiefe Wunden. (Bild: Oleg Elkov/Getty)

Entführt, abgehauen, verunfallt, ertrunken? Bleibt ein Kind unauffindbar, reisst das tiefe Wunden. (Bild: Oleg Elkov/Getty)

Nur das Fahrrad. Sonst nichts. Von der elfjährigen Elly fehlt jede Spur. Beim Judotraining ist sie nicht angekommen. Ihr Fahrrad liegt am Strassenrand. In Maike Wetzels Roman «Elly» kommt für Eltern und Schwester das Leben in einer deutschen Kleinstadt zum kompletten Stillstand. Etwas älter, 19 Jahre alt, ist Summer, die Verschollene in Monica Sabolos Roman «Summer». Sie verschwindet spurlos nach einer Party am Genfersee. Schuldgefühle, Angst, Verdächtigungen, Albträume, vergebliche Hoffnungen. Das alles fressen die Hinterbliebenen einzeln in sich hinein, werden arbeitsunfähig, kapseln sich von der Aussenwelt ab, sehen egozentrisch nur noch das eigene Leid, werden abhängig von Beruhigungspillen und erzählen es in den beiden Romanen in getrennten inneren Monologen – unfähig, sich mitzuteilen, unfähig zum Dialog. Für einmal greift man gerne in die Schublade der wuchtigen Adjektive: Maike Wetzel und Monica Sabolo sind zwei atemberaubende, mitreissende, fesselnde Romane gelungen, die ohne Krimiblut und Thrillerelemente auskommen, deren Spannung ganz von der psychischen Anspannung der Hinterbliebenen lebt.

Denn die Situation eignet sich besonders gut für die Literatur: Eine Situation, in der sich die Figuren in sich zurückziehen, in der die Gedanken um sich selbst kreisen. Vielleicht belügen sie sich selbst – was für zusätzliche Spannung sorgt. Wenn die Figuren nicht sprechen wollen: Die Literatur bringt sie mit dem Mittel des inneren Monologs zum vertrauten Zwiegespräch mit dem Leser. Literatur kommt so den Figuren näher als jede noch so gute journalistische Reportage.

Die Angst vor dem Schlimmsten lähmt

Diese Extremsituation ist zudem eine Schatztruhe tiefenpsychologischer Einsichten. Eine Situation, die, so selten sie auch vorkommen mag, so verbreitet die Furcht davor ist. Kaum jemand wird das Thema kalt lassen: Denn was ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann? Wenn ein eigenes Kind stirbt. Noch schlimmer: Durch Suizid. Noch schlimmer: Wenn es spurlos verschwindet und man verrückt wird vor Angst. Die Furcht davor begleitet Eltern wohl das ganze Leben.

Um so anspruchsvoller ist die literarische Fiktion einer solchen Situation. Die Versuchung, ein rührseliges Melodrama oder einen reisserischen Thriller mit geisteskranken Tätern, verscharrten Leichen, jahrelangem Missbrauch in verborgenen Kerkern und allerlei schauerlichen Details zu schreiben, ist gross. Die medialen Horror-Geschichten mit Quälerei und Missbrauch etwa von Natascha Kampusch, Josef Fritzl oder aus dem Kinofilm «Das Schweigen der Lämmer» bevölkern unausgesprochen auch die Hinterbliebenen in den Romanen «Elly» und «Summer». Und steigern dadurch noch deren Angst. Die literarische Qualität beider Roman liegt hingegen in der nachvollziehbaren Gefühlslage der Figuren und der atmosphärischen Wucht ihrer inneren Monologe.

Schizophrene Schübe und Schuldgefühle

Maike Wetzel: Elly. Roman, Schöffling &Co., 152 S., Fr. 30.-

Maike Wetzel: Elly. Roman, Schöffling &Co., 152 S., Fr. 30.-

Ellys ältere Schwester Ines etwa sagt: «Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich wach und lebendig bin.» Das ist vorbei. Das Verschwinden der kleinen Schwester macht ihr alles unmöglich: Freude, Ausgelassenh eit, eine eigene Jugend – alles bleischwer überlagert von der ungeklärten Last. Sie wird nun von den Eltern überbehütet. Dass so was nicht nochmals passiert – und erstickt beinahe daran. Sie erlebt schizophrene Schübe, schlüpft im Traum und im Wachen in die Haut ihrer Schwester – Maike Wetzel gelingen hier grossartige, fiebrig-albtraumhafte Passagen. Ellys Mutter flüchtet in Selbstvorwürfe und Medikamentensucht («ich wünschte, ich wäre nie Mutter geworden. Wenn dein Kind geht, hört alles auf»), Ellys Vater flüchtet in Verdrängen und Schuldgefühl («Manchmal frage ich mich, ob es Elly selbst ist, die uns bestraft?»). Nach Jahren wird ein Mädchen gefunden. Elly?

Wetzels Roman hat ein offenes Ende, das einem aufgewühlt zurücklässt und keine Auflösung bringt. Monica Sabolo reduziert in«Summer» die Erzählperspektive weiter. Der ganze Roman ist ein Monolog von Benjamin, des jüngeren Bruders der verschollenen Summer, der seine Schwester vergötterte, sich aber neben ihr wie eine Missgeburt fühlte – er glaubt, sie sei im Genfersee ertrunken, ermordet und sieht deshalb überall düstere Unterwasserwelten. Monica Sabolo lässt den Leser spüren: Obsessive Vergötterung und Minderwertigkeitsgefühl könnten ein Mordmotiv sein. Eine falsche Fährte. Der gehemmte Junge wird jahrelang keine Antwort finden auf das Verschwinden der Schwester, das ihn nicht loslässt, ihn in die Lebensunfähigkeit stürzt, trotz Therapien, trotz Frauen, die ihn aus Mitleid begehren. Ermordet oder abgehauen?

Monica Sabolo: Summer. Roman, Insel, 253 S., Fr 34.-

Monica Sabolo: Summer. Roman, Insel, 253 S., Fr 34.-

Beklemmend, wie seine Obsession zur Abkapselung führt, zum Egoismus, zur Unfähigkeit für Mitgefühl. Bis er nach vielen Jahren herausfindet, dass das Verschwinden mit verheimlichter Familienvergangenheit zu tun hat. Er hätte früher drauf kommen können: Die Familie nämlich trägt dubiose Züge, der Vater verteidigt zwielichtige Reiche, die Mutter ist eine gescheiterte Schauspielerin. Die beiden Romane von Maike Wetzel und Monica Sabolo sind grandiose, intensive, abgründige Studien über das Trauma des Verlassenwerdens und der Ungewissheit.

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