Das tödlich infizierte Kino

Filme über Viren haben eine grosse Herausforderung zu meistern: Die Tatsache, dass Viren unsichtbar sind. Trotzdem finden sich einige Meilensteine im populären Genre-Kino. Und unzählige Streifen, die – mythisch oder realistisch – von den Folgen nach einer Seuche erzählen.

Andreas Stock
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Flucht vor dem Killervirus zwecklos: «Contagion» ist dokumentarisch angehauchtes Panikkino. (Bilder: pd)

Flucht vor dem Killervirus zwecklos: «Contagion» ist dokumentarisch angehauchtes Panikkino. (Bilder: pd)

Die Triumphe, Utopien, Spekulationen und Gefahren von Technologie sind das Elixier des Science-Fiction-Kinos. Die Entwicklung des Genres hängt direkt mit Fortschritten zusammen, die in Technik und Naturwissenschaft erreicht wurden. Prägte anfangs der Fortschrittsglaube utopische und abenteuerlich-romantische Geschichten, setzte spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg und mit der Atombombe ein pessimistischerer Blick ein. Technologie wurde nun auch als Bedrohung wahrgenommen – die Endzeitfilme entstanden. Die Gefahren der Radioaktivität fanden ins Science-Fiction-Kino. Und ab den 1970er-Jahren wurden mit der Entwicklung der bakteriologischen Kriegsführung auch genetische Mutationen sowie Vergiftung und Verseuchung zum Filmstoff.

Postapokalypse und Untote

Im Endzeitkino gibt es zwei wesentliche Subgenres: Jene Filme, die Weltuntergangs-Szenarien entwerfen sowie das postapokalyptische Kino, das sich um die Überlebenden nach einer Katastrophe dreht. Ursache für die Apokalypse sind neben Kriegen, Ausserirdischem oder ökologischen Desastern tödliche Seuchen. «The Omega Man» (1971, mehrfach neu verfilmt) oder «12 Monkeys» (1995) sind nur zwei berühmte Beispiele.

Aus dem Horror-Genre trotten nun jene Zombies herüber, die ein Virus in sich tragen. «Night of the Living Dead» von George A. Romero markiert 1968 ihren Ursprung, wobei die Zombies sich als politische oder gesellschaftskritische Metapher lesen lassen. Seit einigen Jahren wüten die Untoten erneut heftig in Kino und Fernsehen: «The Walking Dead», «World War Z» und «28 Days Later» sind nur wenige Titel unter all den Zombie-Horden.

Die unsichtbare Gefahr

Wenn freilich nicht die apokalyptischen Folgen, sondern das Virus selbst die Hauptrolle spielen soll, stellen sich für Filmemacher besondere Herausforderungen: nämlich Kinobilder für eine unsichtbare Gefahr zu finden. Regisseur Robert Wise drehte 1970 mit «The Andromeda Strain» (Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All) einen Viren-Thriller dieser Art – und schuf einen Klassiker des Genres. Nach dem Roman von Michael Crichton («Jurassic Park») wird erzählt, wie mit dem Absturz einer Sonde ein Killervirus auf die Erde gelangt und das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt ausradiert. In einem unterirdischen Labor versuchen Wissenschafter des Andromeda-Erregers Herr zu werden. Der klaustrophobische Film erreicht seine Wirkung mit einer technischen Genauigkeit, die sich am damaligen Forschungsstand orientierte. Die Grenzen setzte dabei weniger die Technologie, sondern die Hilflosigkeit der Menschen. Es folgten darauf zwar zahlreiche Variationen von «Andromeda». Doch bis zu einem weiteren Genre-Klassiker dauerte es lange.

Von der Realität überholt

1995 drehte der deutsche Regisseur Wolfgang Petersen mit «Outbreak» einen Viren-Thriller, der sich am Action-Kino orientiert. Dustin Hoffman spielt einen Militärarzt, der im Regenwald Afrikas das «Motaba»-Virus untersucht und dessen Warnungen vor einer Epidemie ignoriert werden. Als später binnen weniger Stunden eine Epidemie in einer US-Kleinstadt grassiert, die dem Virus aus Afrika ähnelt, wird Hoffman zum tapferen Helden: allein und gegen alle Widerstände verhindert er schliesslich, dass die verseuchte Stadt vom Militär zerbombt wird.

Die Realität überholte allerdings den Thriller und sein Killer-Virus «Motaba»: Im Entstehungsjahr von «Outbreak» kam es in Afrika zum Ausbruch einer Ebola-Epidemie, was dem Hollywood-Film eine brisante Aktualität gab.

Nüchtern erzähltes Panikkino

Die eindringlichsten Bilder dafür, wie rasant und leicht sich ein Virus in unserer modernen, extrem mobilen Zivilisation verbreiten kann, sind Steven Soderbergh 2011 gelungen. Sein Film «Contagion» ist erschreckend realistisches Panikkino. Mit dokumentarisch nüchternem Blick wird geschildert, wie sich ein Killervirus verbreitet. Nach dem Film könnte man paranoid darob werden, wie banal es eigentlich ist, sich ein Virus «einzufangen». Fesselnd zeigt Soderbergh, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die fieberhafte Forschung nach dem Virus und einem möglichen Serum. «Contagion» wirft nebenbei ethische und politische Fragen auf, beispielsweise darüber, wie und wann WHO und Regierungen die Bevölkerung informieren sollen, und ob deren Angestellte ihr Wissen zum eigenen Vorteil nutzen dürfen.

Aids als individuelles Schicksal

Selbstverständlich gibt es in der Filmgeschichte zahlreiche Filme, die sich auch mit jenem auf Erden weit verbreiteten Virus beschäftigen: dem HI-Virus. Bevor «Philadelphia» (1993) das Thema Aids ins Mainstream-Kino brachte und Hauptdarsteller Tom Hanks Oscar-gekürt wurde, galt Aids ausser im Underground- und Schwulenkino als Tabuthema. Doch ebenfalls 1993 erschien «And the Band Played On» (…und das Leben geht weiter), ein dokumentarischer US-Fernsehfilm von Roger Spottiswoode. Bewegend erzählt er die Geschichte dieser Immunschwäche ab den frühen 1980er-Jahren in den USA nach. Im Unterschied zu den meisten Filmen zu Aids wird hier auch die Forschung der Krankheit einbezogen. Denn vielfach fokussieren die Dramen auf gesellschaftliche Aspekte und die individuellen Schicksale. Wie auch der 2014 mit drei Oscars gekürte «Dallas Buyers Club» mit Matthew McConaughey.

England nach der Apokalypse: Szene aus «28 Days Later».

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Ein Baby überlebt in «Andromeda» das Virus – doch warum?

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