Das Theater Konstanz bleibt aktuell

Das Theater Konstanz unterlegt seiner kommenden Spielzeit erneut kein Motto – aber es geht oft um Heimat und das Wir-Gefühl. Klassiker von Tschechow oder Molière werden inszeniert, aber auch Uraufführungen wie eine Adaption von Fellinis «E la nave va».

Dieter Langhart
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Intendant Christoph Nix stellt die Spielzeit 2016/2017 vor. (Bild: Dieter Langhart)

Intendant Christoph Nix stellt die Spielzeit 2016/2017 vor. (Bild: Dieter Langhart)

KONSTANZ. Am Anfang steht ein kluger Satz: Am Anfang des Geleitworts zur Premierenübersicht und am Anfang des Termins für die Medien: «Wollten wir die Welt nicht verändern, so hätten wir mehr Zeit zu sterben.» Er stammt von Gottfried Honegger, dem grossen, im Januar verstorbenen Schweizer Künstler. Intendant Christoph Nix fragt, was sich verändert habe, seitdem Flüchtlinge unter uns sind, und spricht unsere Ängste an. «Darüber zu sprechen fällt uns schwer», sagt er. «Man muss ja auch nicht sprechen. Manchmal ist es gut zuzuhören.» Damit meint er auch sein Theater.

Das Team habe angesichts der Flüchtlingsmassen viel über Heimat diskutiert, sagt Oberspielleiterin Johanna Wehner, und wie dieser Ort Heimat beschaffen sei. «Wer ist <wir> und wer bestimmt, wer dazu gehört?» Das Theater wolle in der neuen Spielzeit fragen, was unter der Oberfläche schlummere.

LaBute bringt Tschechow mit

Greifen wir uns die grossen Premieren heraus. Auftritt «Onkel Wanja» am 7. Oktober zum Auftakt: «Eine Tröstung, dass uns das Lachen über die Zeit hinaus verbindet.» Den Tschechow inszeniert der gefragte Neil LaBute – und es ist seine erste Regie ausserhalb des englischen Sprachraums. Auftritt Ferdinand Bruckner mit «Die Rassen». Die Wahlen vom März 1933 bedeuten eine tragische Zäsur für ein junges Liebespaar in Berlin. Bruckner nahm den Antisemitismus vorweg, musste ins Exil, blieb von der Mehrheit unbeachtet – nach der Uraufführung in Zürich ist das Stück nicht mehr aufgeführt worden. Die Schweizerin Barbara-David Brüesch führt Gastregie.

Brecht bis Beckett

Auftritt «Der gute Mensch von Sezuan». Auch Brechts Parabel von der Suche nach dem Guten wurde in Zürich uraufgeführt, 1943, «die Verhältnisse sind geblieben», sagt Nix. Regisseur Jo Fabian kehrt dafür wieder nach Konstanz zurück.

Konstanz bleibt existenziell auch mit Johanna Schalls Inszenierung von Fassbinders «Angst essen Seele auf» in der Spiegelhalle – mit Gästen aus Afrika – und mit Becketts zwischenmenschlichen Fallstricken im «Endspiel»; Andrej Woron inszeniert es in der Spiegelhalle.

Widerstandsrecht des Volkes

Und Konstanz bleibt politisch. Auf dem Münsterplatz stellt es die Frage nach dem Widerstandsrecht des Volkes mit Schillers «Wilhelm Tell» unter Johanna Wehners Regie. Und Christoph Nix fragt mit einem Seitenblick auf die «kleinmütige» politische Debatte um das Scala-Kino: «Tun wir nur so, als hätten wir etwas zu verteidigen?»

Fünf, sechs Produktionen weniger als in den bisherigen Spielzeiten seien es nun, sagt Nix. Egal, sein Theater macht weiter, inszeniert im März «eine performative Besetzung der Werkstatt» mit «Invasion», gemeinsam mit dem Theater St. Gallen und mit Bezug auf die mafiosen Strukturen im Thurgau.

«Hoch aktuell»

Gewiss, die Klassiker müssen auch ihren Auftritt haben: Molières «Der Geizige» oder Euripides' «Die Bakchen». Dem Nachwuchs kommt das Junge Theater Konstanz mit sechs Produktionen entgegen. Und die zwei Uraufführungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Der musikalische Abend «I Am Glad I Found You» nach Navid Kermanis Roman «Das Buch der von Neil Young Getöteten» und «Alla fine del mare» nach Motiven von Fellinis Film «E la nave va». Eine elitäre Luxusgesellschaft trifft auf serbische Flüchtlinge. Auch da zeigt sich Konstanz laut Nix wieder «hoch aktuell».

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