Das Spiel der Giganten

Die Berliner Schauspieler Dagmar Manzel und Ulrich Matthes gastieren mit Lot Vekemans «Gift» im Zürcher Pfauen. Sie spielen ein Paar, dessen Sohn vor zehn Jahren starb. Eine Sternstunde des Theaters.

Valeria Heintges
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Gastspiel aus Berlin: Dagmar Manzel und Ulrich Matthes in «Gift». (Bild: Arno Declair)

Gastspiel aus Berlin: Dagmar Manzel und Ulrich Matthes in «Gift». (Bild: Arno Declair)

Sie heissen «Sie» und «Er». Vor zehn Jahren starb ihr gemeinsamer Sohn bei einem Verkehrsunfall, ein Jahr später verliess er sie, fuhr an Silvester 1999 in die Normandie und kam nicht mehr zurück.

Jetzt sitzen sie in der Friedhofshalle. In einem Brief haben sie erfahren, dass der Leichnam des Sohnes umgebettet werden muss, weil Gift im Boden sei. Ein Getränkeautomat, ein Wasserspender, sieben weisse Stühle, eine karge Wand. Mehr braucht es auf der Bühne für Christian Schwochows Inszenierung von Lot Vekemans «Gift» am Deutschen Theater Berlin nicht. Am Mittwoch und Donnerstag war es im Rahmen der internationalen Reihe «Nervous Systems» im Zürcher Pfauen zu sehen.

In dieses Wartezimmer zwischen Leben und Tod setzt Regisseur Schwochow, der sich mit TV-Filmen wie «Der Turm» oder «Bornholmer Strasse» hervortat, zwei der derzeit besten Schauspieler: Dagmar Manzel und Ulrich Matthes. Von 1983 bis 2001 war sie am Deutschen Theater engagiert, er hat seit 2004 dort seine künstlerische Heimat. Wenn die beiden spielen, kann man nicht glauben, dass sie noch nie gemeinsam auf der Bühne standen. So feinnervig, so genau gehen sie aufeinander ein, spielen die Spannung, die zwischen ihnen herrscht, weil «Sie» noch immer gefangen ist im Kokon der Trauer, während «Er» versucht, neu ins Leben zu kommen. Wie sie umeinander herumtigern, er sie berühren will und sie sich ihm entzieht. Wie sie in alte Muster fallen, es merken, verzweifelt wieder herauszukommen versuchen. Wie sie vor dem anderen nicht als der Schwache dastehen wollen und doch so gerne von ihm Absolution bekämen. Wie sie auf Fragen mit Gegenfragen antworten, um sich keine Blösse zu geben. «Wir sind ein Paar, das erst ein Kind, dann sich selbst und dann einander verloren hat», sagt er.

Ihr Spiel ist bewundernswert: präzis, ohne unecht zu sein, gefühlvoll, ohne kitschig zu sein, meisterhaft, ohne manieriert zu sein. Eine Sternstunde des Theaters, das ganz bei sich ist – mit einem sehr guten Text, einem genauen Regisseur und brillanten Darstellern.

Weitere Gastspiele u. a. aus Amsterdam, Paris, New York, bis 10.12. unter www.schauspielhaus.ch