Das Spätwerk von Philippe Jaccottet gibts jetzt endlich auch auf Deutsch

Der Band «Die wenigen Geräusche» präsentiert die eindrucksvolle Prosa von Philippe Jaccottet in adäquater deutscher Übersetzung.

Charles Linsmayer
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In der Tradition mit Rilke, Mann und Musil: Philippe Jaccottet.

In der Tradition mit Rilke, Mann und Musil: Philippe Jaccottet.

Bild: Gérard Khoury

Er gehört zu den wenigen Autoren, die bereits zu Lebzeiten in die legendäre Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen wurden: der am 30. Juni 1925 in Moudon geborene und seit 1953 im südfranzösischen Grignan lebende Philippe Jaccottet. Wie kein anderer zeitgenössischer Schweizer steht er ebenbürtig in der Tradition von Autoren wie Rilke, Thomas Mann, Robert Musil oder Giuseppe Ungaretti, deren Bücher er ins Französische übersetzt hat. Und dies, obwohl sich sein eigenes Werk weitgehend auf Naturbeobachtungen in der Umgebung seines Wohnorts beschränkt.

Elisabeth Edl und Wolfgang Matz haben im Lauf der Jahre für den Hanser-Verlag fast sein ganzes Œuvre übersetzt und präsentieren nun im Band «Die wenigen Geräusche» auch Jaccottets in den letzten fünf Jahren entstandene Prosa und vereinzelte Gedichte auf Deutsch.

Was da vorliegt, setzt in seinem unverwechselbaren Klang, seiner Ton­lage und der absolut stimmigen Diktion nahtlos fort, was Jaccottet in den früheren Büchern dem Lesepublikum geschenkt hat und immer wieder nicht nur Bewunderung, sondern auch Verwunderung auslöste. Ein Gutteil der Faszination seines Werks besteht nämlich darin, dass er bei aller subtilen Annäherung das Rätsel, das ihm mit der Schöpfung entgegentritt, letztlich nicht zu lösen vermag und wohl auch nicht lösen will, sondern dass er, wie es im jüngsten Band nun heisst, «selbst Bestandteil des Rätsels in seiner allergrössten Verdichtung» ist und bleibt.

Die Kraft des Lebendigen

Der Tod ist in Blicknähe geraten auf diesen Seiten, und zwar in seiner ganzen Schrecklichkeit.

«Mühsam gestützt von Frauen, von Schwestern, voller Geduld»

, heisst es am Anfang des Bandes,

«kommen andre, unsichtbare, zu spät, sie abzulösen, dann wird man stürzen, und diesmal ganz.»

Und was die Beschwerden des ­Alters betrifft, so taucht im Neunzig­jährigen, wenn er das Telefonieren mit Freunden anspricht, das Bild von «Schiffbrüchigen» auf, «welche, jeder in seinem Kerker aus Wasser, einander die mehr oder weniger langsam schrumpfende Höhe des noch herausragenden Teils ihres Körpers zurufen.» Schon bald aber verweigert sich Jaccottet der Evokation des Alterns und des Sterbens:

«Verbieten wir der Ver­wesung das Wort»

, ruft er sich zu und richtet seine Aufmerksamkeit auf ­Dinge, Themen und Motive, die dem Tod entgegenstehen und die Schönheit und Kraft des Lebendigen preisen. Das beginnt mit dem Herbstlicht auf den Bergen, dem «Geschenk für meine noch immer offenen Augen», das können Lebewesen sein wie eine Katze, die «kleine Seele in Pelzpantoffeln», ein Eisvogel, «der frei scheint von jeder Bindung», ein Rotkehlchen, «dieser Fussgängervogel, in dem man gern ­etwas sähe wie eine wiedergeborene Kinderseele».

Philippe Jaccottet: Die wenigen GeräuscheSpäte Prosa und GedichteHanser, München 158 Seiten

Philippe Jaccottet: Die wenigen Geräusche
Späte Prosa und Gedichte
Hanser, München
158 Seiten

Bild: zvg

Am tiefsten berührt der Hymnus auf das vom Tod bedrohte Lebendige aber dann, wenn Jaccottet den «Gräserhimmel» betritt. Angesichts einer Blume, «die so kurz nur dauert», kann er sich vorstellen, «dass die Welt nicht endlich ist, dass jedes Ding mehr ist, als es zu sein scheint.» Das Veilchen und die bescheidene Ackerwinde sind Teil seiner tröstlichen Pflanzenphilosophie, und die Begegnung mit dem Dunklen Mauerpfeffer und den Ranken der Waldrebe am Wegrand lösen im Betrach­ter Gefühle aus, für die «Bestürzung nicht zu viel gesagt ist» und die ihm, dem «alten Unwissenden», «einen Anschein von ‹Offenbarung› gewähren». Jaccottet fügt seinen Texten längere Zitate von Handke, Leopardi und Kafka hinzu, für welch Letzteren er «Zärtlichkeit und Verehrung» empfindet. Von den nachgelassenen Gedichten Ingeborg Bachmanns wiederum sagt er, sie seien von «kaum auszuhaltender Traurigkeit und so stark, dass sie letzten Endes keine Gedichte mehr werden konnten».

Über Jaccottet selbst aber, von dem im vorliegenden Band ebenfalls kaum noch Gedichte veröffentlicht sind, liesse sich sagen, dass das leicht und scheinbar zufällig hingeworfene Parlando seiner zwischen Natur und Landschaft, Tod und Überlebenswillen oszillierenden Notate Wort für Wort so zwingend und einleuchtend daherkommt, dass die Gedichtform für sie letztlich ein viel zu enges Korsett darstellen würde.