Best of July
Das sind die interessantesten Künstler des Monats Juli

Wer sorgte für Aufsehen? Die Kulturredaktion blickt kurz zurück und pickt fünf der interessantesten Künstler des Monats heraus.

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Interessanteste Künstler vom Juli 2017
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2. Gianna Molinari (29) – die Newcomerin Was sagt eine Jeans über einen Mann, der vom Himmel fiel? Ein realer Vorfall ist Ausgangspunkt für den Text «Loses Mappe», den die in Zürich lebende Autorin Gianna Molinari am diesjährigen Wettlesen um den Bachmannpreis vorgestellt hat. Die Zürcher Polizei hatte 2010 über den Mann berichtet. Sie kam zum Schluss, er müsse aus dem Fahrwerk eines Flugzeugs gefallen sein, wegen Sauerstoffmangel und Kälte in der Höhe längst tot, bevor er auf dem Boden aufprallte. Molinari baut in ihren Text mehrere Wahrnehmungs- und Reflexionsebenen ein. Neben den Polizeiberichten gibt es da einen Wachdienstarbeiter, der eine Fabrik bewacht, in der es nichts zu bewachen gibt. Und es gibt die IchErzählerin, selbst Wachdienstarbeiterin der Fabrik, die kurz vor der Schliessung steht. So entsteht eine klug konzipierte Erzählung über Gleichgültigkeit und Relevanz, der manche Jurymitglieder vorwarfen, sie weise zu deutlich auf ihre Aussage hin. Trotzdem gewann die 29-jährige Newcomerin mit dem 3-Sat-Preis den vierten Preis. Die Autorin ist Mitgründerin der Literaturaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert», die sich für Flüchtlinge einsetzt. Ihr erster Roman ist in Arbeit. Man darf gespannt sein: Ist das eine neue Stimme, die Wege sucht, Dokumentarisches in Literatur aufgehen zu lassen? Anne-Sophie Scholl
3. Dani Levy (59) – der Atemlose Dani Levy dreht seine Filme gerne ein bisschen anders. Der Basler steht auf den Faktor Zufall. In seinem ersten «Tatort» hatte er sich 2013 mitten in den Trubel der Luzerner Fasnacht gestürzt. Nun hat Levy Mitte Juli seinen zweiten «Tatort» abgedreht. Der Schauplatz: das KKL. Das Besondere: Levy drehte den Film ohne einen einzigen Schnitt. 90 Minuten lang verfolgte er die Kommissare Flückiger und Ritschard, ohne seine Kamera ein einziges Mal auszuschalten. 90 Minuten in einem Take: Das ist wie ein Fussballspiel, bei dem der Ball kein einziges Mal ins Seitenaus rollt. Permanente Anspannung ohne eine einzige Verschnaufpause. Ein Husarenstück für Levys Darsteller, seine Filmcrew und die über 100 Statisten. Eine verpatzte Szene schnell neu aufnehmen? Impossible. Nun witzelt die «Süddeutsche Zeitung», dass man sich «beim Tatort aus der Schweiz eher ein paar schnellere Schnitte gewünscht hätte als gar keine». Papperlapapp. Der «Tatort» darf, ja er muss sich filmische Experimente leisten, um spannend zu bleiben. Und so ungetestet ist Levys Experiment gar nicht. Schon die Kinofilme «Victoria» und «Birdman» gingen das One-Take-Wagnis ein – und hatten Erfolg: «Victoria» räumte beim deutschen Filmpreis ab, «Birdman» bei den Oscars. Ein gutes Omen. Ausgestrahlt wird Levys neuer «Tatort» Anfang 2018. Lory Roebuck
4. Oscar A. Kambly (66) – der Kunstsinnige Welch ein Auflauf in Trubschachen! 43 000 Menschen besuchten innert dreier Juli-Wochen das 1500-Seelen-Dorf im Emmental. Das Dorf? Nein, die Kunst. Die rund 200 Kunstwerke in den zwei Schulhäusern, die Private, Museen und Stiftungen den Trubschachern ausgeliehen hatten. Kunst von Robert Zünd über Giovanni Giacometti bis Pia Fries. Seit 1964 gibt es alle vier Jahre «Kunst in Trubschachen». Schon seit 1906 gibt es Kambly in Trubschachen. Beide sind populär. Und bei beiden ist Oscar A. Kambly der Chef. Die Biscuitfabrik ist unter seiner Leitung (seit 1983 in dritter Generation) zum weltweit erfolgreichen Lieferanten süsser Stückli geworden. Als Präsident des Kunstvereins sorgen er und die 400 Freiwilligen aus der Region für den Erfolg von «Kunst in Trubschachen». Ihr Enthusiasmus, ihr Engagement wirken echt und ansteckend. So ansteckend, dass das Dorf dieses Mal regelrecht überrannt wurde. Statt der erwarteten 30 000 kamen 43 000 Menschen – angetan von der Idee, Kunst in der ländlichen Idylle statt in ehrwürdigen Museen zu sehen, Dazu die Landschaft zu geniessen, ein Stück Emmentaler, eine Meringue zu vertilgen – oder ein Kambly-Bretzeli zu geniessen. Das Credo des Kunstliebhabers Oscar A. Kambly, Kunst soll für alle zugänglich sein, ist aufgegangen. Wie ein luftiges Gebäck. Sabine Altorfer
5. Philippe Jordan (43) – der elegante Arbeiter Grosse Schweizer Dirigenten sind rar. Und grosse Schweizer Dirigenten, welche die Eröffnung der Bayreuther Festspiele dirigieren, noch viel rarer. Wenn der Zürcher Philippe Jordan diesen Juli die «Meistersinger» dirigiert, ist er fraglos der Mann der Stunde – und der Kopf des Monats. Der 43-Jährige erhielt als Sohn des Dirigenten Armin Jordan eine Dirigentenlaufbahn eigentlich bereits in die Wiege gelegt. Doch Philippe Jordan wollte es selber wissen und stieg die Stufen der Karriereleiter langsam hoch – und zwar im Ausland, wo ihn niemand kannte: als Korrepetitor in Ulm, später als Kapellmeister und schliesslich als Assistent von Daniel Barenboim in Berlin. Mittlerweile ist Philippe Jordan gleichzeitig Chefdirigent der Wiener Symphoniker (und hat das dortige orchestrale Niveau um Klassen gesteigert, wie an den Bregenzer Festspielen aktuell zu hören ist), ebenso beschäftigt ist er mit seiner Chefrolle an der renommierten Pariser Opéra National. Ein Gefühlsaufbauscher und Klangmassensprenger ist Philippe Jordan also nicht. Statt dessen klingt etwas von seinem französischen Flair auch in Wagners «Meistersinger» an – diese geben sich voller Eleganz, Ausgewogenheit, und sogar leichtfüssigem Flirren. Manch einem im Publikum wohl zu elegant, wie die vereinzelten Buhs zwischen den Bravos verrieten. Anna Kardos

Interessanteste Künstler vom Juli 2017

Keystone