Theater: Das Rheintal als Schweizer Anti-Idyll

Der Rheintaler Autor Philippe Heule hat für das Theater St. Gallen eine Collage mit zwölf Szenen aus seiner Heimat geschrieben. «Spekulanten» ist lebensnah und mit hintergründigem Witz. Heule sieht das zersiedelte Rheintal als typisch für die Schweiz an.

Hansruedi Kugler
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Philippe Heule sitzt vor dem Theatercontainer bei der Lokremise St. Gallen, in dem sein Stück «Spekulanten» am Donnerstag Premiere hat. (Bild: Ralph Ribi)

Philippe Heule sitzt vor dem Theatercontainer bei der Lokremise St. Gallen, in dem sein Stück «Spekulanten» am Donnerstag Premiere hat. (Bild: Ralph Ribi)

«Spekulanten» – das tönt nach Satire auf zynische Börsenhaie. Falsche Vermutung! Nein, die drei Hörproben an der sonntäglichen Matinee versetzen uns in Wohnstuben und an Stamm­tische. Durchschnittsschweizer kommen hier zu Wort mit ihren Verdächtigungen, Vermutungen, Vorurteilen. Sie glotzen aus dem Fenster, zerreissen sich die Mäuler über Nachbarn und verurteilen die Weltlage – beschreiben dabei aber weniger die Welt, dafür indirekt und präzis sich selbst und ihre Schwächen, Niedertracht und Dilemmas. Könnte ein toller Theaterabend werden, mit feinem Humor.

Das Rheintal ist überall

Philippe Heule hat sich zwar in seiner alten Heimat, dem Rheintal, umgehört. Ihn interessiert aber eher das Modellhafte. «Als Rheintaler sage ich: die Region ist typisch für die heutige Schweiz – zersiedelt zwischen Dorf und Stadt, keine Postkartenregion, zwischen Sehnsucht nach Nähe und wirtschaftlicher Globalisierung, wertkonservativ, oft verbunden mit einem Minderwertigkeitsgefühl.» Könnte auch in Basel spielen oder im Ruhrgebiet, bestätigen die Schauspieler Hansjürg Müller und Birgit Bücker mit Blick auf ihre eigene Herkunft.

Mit 19 nach Hamburg in die Schauspielschule

Heule ist ein Heimkehrer. Der Widnauer kam mit 14 Jahren zum Jugendtheaterclub am Theater St. Gallen. Dass er für ein Vorsprechen den jungen Kostja aus Tschechows «Die Möwe» einübte, der Schriftsteller werden will, scheint eine Fügung gewesen zu sein. Er nahm bei der St. Galler Schauspielerin Diana Dengler Einzelunterricht und bereitete sich mit ihr auf die Schauspielprüfung vor. Mit 19 Jahren ging es nach Hamburg an die Schauspielschule und gleich danach in die Regieklasse der Zürcher Hochschule für Künste. Denn die Schauspielerei «ist ein verdammt harter Job», sagt er, «ich brauchte immer sehr viel Überwindung, vor Publikum zu spielen. In einem Stadttheaterbetrieb jeden Abend auf der Bühne zu stehen, würde ich nicht schaffen.» Und er sagt selbstironisch: «Müsste ich mich selbst besetzen, käme nur das komische Fach in Frage, am ehesten als verschrobener Nerd.» Die Selbstironie funkelt bei Heule oft mit.

Nach der Ausbildung Hausautor am Theater Basel

Zudem habe er gemerkt, dass er lieber Autor sei. Das tut Heule bisher mit einigem Erfolg. Frisch von der ZHdK bekam er gleich einen Einjahresvertrag als Hausautor am Theater Basel. Die Autorenförderung unter dem Namen Stücklabor war zum ersten Mal öffentlich ausgeschrieben und Heule überzeugte mit seinem Dossier. Das in Basel entstandene Stück hiess «Retten, was zu retten ist», eine komisch-böse Reklame-Parodie. Eine Familie wird darin mit der privaten Baustelle zum TV-Dauerbrenner mit eigener Show. Warenwelt und wahre Welt verschmelzen in der Groteske. Die Kritiker waren mehrheitlich angetan. Ein Autor also, der ganz aus der Gegenwart heraus Stücke schreibt und das grosse Ganze im Auge hat. Das nächste Stück mit seiner Performance-Truppe Helium X hiess «Die grosse Krise». Mit «verspielt-ironischem Zugang», so die «Basler Zeitung», wurden hier Lektionen über Global Economy, Klimawandel oder den Irakkrieg auf der Bühne verhandelt.

«Komik speist sich aus der Verzweiflung»

Humor ist für Philippe Heule ein Dauerthema: «Komik speist sich im besten Fall aus der Verzweiflung oder aus Gewalt. Lachen nur um des Lachens willen ist unbefriedigend. Man soll schon etwas aufgerüttelt werden.» Heules Beitrag zum Fünfteiler «Das Schweigen der Schweiz» im Dezember 2016 in der Lokremise, war allerdings TV-Satire mit eher plumpen Pointen wie: «Ich will ein Kind von Roger Federer.» Die Kritik nimmt er gelassen. Da habe die Regie zwei, drei Ebenen des Textes gestrichen, sagt er. Zudem stehe er als Künstler ohnehin noch an Anfang.

Die szenische Collage im Container, openair, auf Tournee und nicht in der Lokremise zu spielen, sei entscheidend gewesen für das Stück. Die Glaswand des Containers setzt Heule immer wieder ein. «Ich kann jetzt den Text nicht mehr losgelöst vom Container sehen», sagt er. Potenzial für eine «richtige» Bühne hat der Text allemal.

Hinweis

Premiere Do, 20 Uhr, Container vor der Lokremise, bis 18.9.; danach Tournee im Rheintal.