Das Scheinbare und das Unscheinbare

ESCHLIKON. Der Thurgauer Fotograf Sebastian Stadler interessiert sich dafür, was wir um uns herum rasch übersehen. Doch mit blossen Abbildern gibt er sich nie zufrieden. Noch kurze Zeit sind seine Arbeiten in der Galerie Widmertheodoridis in Eschlikon zu sehen, neben Papierarbeiten von Lydia Wilhelm.

Dieter Langhart
Drucken
Teilen
Führt uns im Kreis herum: Sebastian Stadler in der Videoarbeit «Kreisel – neuer Komfort». (Bild: Dieter Langhart)

Führt uns im Kreis herum: Sebastian Stadler in der Videoarbeit «Kreisel – neuer Komfort». (Bild: Dieter Langhart)

Die «Costa Concordia» hängt im Treppenhaus der Galerie. Nicht das ganze prächtige Kreuzfahrtschiff, das 2012 vor der Insel Giglio auf Grund lief, nur ein Stück seines Rumpfes mit dem Schriftzug. Es scheint verloren in der Luft zu schweben – und dahinter schimmert ein Baum durch ein Fenster. Sebastian Stadler hat das Schiff irgendwo im Netz gefunden, hat es am Bildschirm fotografiert: auf Film, nicht digital. Aber wie kommt der Baum auf den Film? Stadler hat erst die Alltagsszene fotografiert, den Film aber nicht weitertransportiert – und ihn mit der «Costa Concordia» nochmals belichtet.

Gewollte Doppelbelichtung

Wo sich Fotografen früher über ungewollte Doppelbelichtungen geärgert haben, erzeugt Stadler fast mystische Stimmungen, spielt ironisch mit unserer Wahrnehmung des Alltags, denn die erste Aufnahme zeigt stets Unspektakuläres wie Glasbausteine oder Pflanzen. Diese und weitere in einen Plexiglaskasten gehängte Bildkompositionen bilden motivisch und formal eine Serie, die der Fotograf «L'apparition» nennt, Erscheinung. «Ich will nicht zwingend, dass meine Motive identifizierbar sind», hat der 27jährige Stadler einmal gesagt.

Auch in seinem Video «Kreisel – neuer Komfort» stellt er unsere Sehgewohnheiten auf die Probe. Mit seiner Kamera fährt er uns des Nachts zu Verkehrskreiseln, doch statt dass sich unser Auge im Kreis dreht, drehen sich die Kreisel um uns, blitzen Strassenlampen auf, und wir werden zum Mittelpunkt der Erscheinung.

Poesie neben Alltag

Gehen wir vom modernen Kubus hinüber in die alte Scheune, die die Galeristen Werner Widmer und Jordanis Theodiridis stets auch bespielen. Auch da zwei Stockwerke, auch da die Verschränkung zweier Künstler, die beide ihre erste Einzelausstellung bei Widmertheodoridis bestreiten. Der in Wilen bei Wil aufgewachsene St. Galler Sebastian Stadler teilt sich die Räume mit den poetischen Papierarbeiten der Winterthurerin Lydia Wilhelm und einer auf den Ausstellungsort bezogenen Installation. Das lässt die zwei Ausstellungen durchaus neckisch aufeinander Bezug nehmen, denn auch Wilhelm spielt mit unserer Wahrnehmung. Stadler zeigt hier eine ältere Videoarbeit, «Lumi/ei lunta» («Schnee/ohne Schnee»): unspektakuläre Alltagsszenen aus Finnland, woher seine Mutter stammt und wo es «faktisch nur Sommer und Winter gibt»; Stille und Langsamkeit prägen die Impressionen. Für «We See the Whole Picture» hat er mit einem Computerprogramm unzählige Aufnahmen aus dem Netz gefischt – bei Finnlands Transportbehörde. Diese überwacht mit Webcams abgelegene Strassen – solange nichts passiert, herrscht Langeweile. Stadler hat einige der frei zugänglichen Aufnahmen ausgewählt und in eine neue Reihenfolge gebracht. Wenn jetzt ein Elch über die Strasse trottet oder ein Schiff auf einem Anhänger transportiert wird, sehen wir, was wir so gar nie sehen können, und scheinbar Banales erhält ein Gewicht, das wir ihm sonst kaum geben würden. Raffiniert spielt der Künstler mit unserer Überzeugung, Fotografie bilde die Wirklichkeit ab.

Ein Buch und ein Jubiläum

In Buchform nur liegen zwei weitere Videoarbeiten Sebastian Stadlers auf: «Sturz ins Bergell – Gegenrichtung 2015» und «Glaskugel». Mit Künstlern wie Yves Netzhammer oder Olga Titus hat er bis Mitte Oktober die zweite Ausstellung «Video Arte Palazzo Castelmur» im Bergell bespielt. Nach der Finissage in der Silvesternacht schliesst die Galerie. Aber noch eine Woche lang projiziert sie nach dem Eindunkeln Stadlers «Sturz ins Bergell» an die Aussenwand – als Auftakt zum Zehn-Jahr-Jubiläum.

Bis 31.12. Mi/Do 14–18, Sa 11–16 Uhr; www.0010.ch

Aktuelle Nachrichten