Ausstellung: Die St.Galler Malerin und das Reh aus dem Freiluftatelier

Die St.Gallerin Claudia Keel zieht sich oft in die Tessiner Berge zurück. Dabei lässt sie ­expressive «innere Bilder» ­entstehen, die nicht ohne Kitsch sind. Sie sind jetzt im Architekturforum Ostschweiz in St. Gallen zu sehen.

Melissa Müller
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Claudia Keel vor zwei Bildern, die sie im Dschungel Costa Ricas gemalt hat: «Heute würde ich nicht mehr fliegen.» (Bild: Bilder: Urs Bucher)
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Claudia Keel malt in Schichten, ihre Bilder verändern sich laufend.

Claudia Keel vor zwei Bildern, die sie im Dschungel Costa Ricas gemalt hat: «Heute würde ich nicht mehr fliegen.» (Bild: Bilder: Urs Bucher)

Claudia Keel bekommt jeden Tag Besuch, wenn sie in ihrem Rustico im Tessin ist. Immer um die gleiche Zeit kommen zwei Rehe vorbei. Sie äsen und schauen und verschwinden wieder im Kastanienwald. Ein Reh steht auch im Zentrum eines Ölbilds der Malerin – zu sehen in ihrer neuen Ausstellung im Architekturforum Ostschweiz im St. Galler Lagerhaus. «Das Reh ist mir nah», sagt die 50-Jährige. «Es ist scheu – und doch so präsent.» In einem pinken und gelben Blumenmeer gemalt, ist das Reh nicht frei von Kitsch. «Das ist mir bewusst. Aber ich denke beim Malen nicht daran, was andere davon halten könnten», sagt die St. Gallerin. Erst liess sie auf der riesigen Leinwand wochenlang eine üppige Blumenwiese entstehen. Dann malte sie einen Baum darüber. «Ich liess danach Wasser über den Baum fliessen, aber das war mir zu prozesshaft-psychologisch, und ich verschmierte alles wieder.» Anstelle des Baumstamms entstand das Reh.

Mit viel Rosa: Werke von Claudia Keel im Architekturforum Ostschweiz. (Bilder: Benjamin Manser)

Mit viel Rosa: Werke von Claudia Keel im Architekturforum Ostschweiz.
(Bilder: Benjamin Manser)

Verzicht auf Umweltsünden

Claudia Keel hat zum dritten Mal einen Werkbeitrag erhalten. Das ist der Anlass für ihre Schau. «Ich bin erstaunt, dass ich immer wieder einen Werkbeitrag erhalten habe», sagt sie. «Denn ich habe ja keinen wiedererkennbaren Stil.» Für den Tagblatt-Fotografen stellt sich die Künstlerin zwischen zwei Gemälde, die mit ihren verschwommenen Farbflächen an Monets Seerosen gemahnen. «Da war ich in Costa Rica, um den Dschungel zu malen.» Auf der Karibikinsel habe sie mit ihrem Mann eine Hütte im Urwald bewohnt. Zurück in St. Gallen, habe sie das wuchernde Grün mit blauem Wasser übermalt.

«Heute würde ich nicht mehr in die Tropen fliegen. Ich esse auch kein Fleisch mehr.»

Statt einer Hütte im Dschungel haben Claudia Keel und ihr Mann, der Schriftsteller Sebastian Schinnerl, seit drei Jahren ein Wochenendhäuschen in Sülapiena im Tessiner Bleniotal. Es ist nur zu Fuss erreichbar. Dort geniessen sie die Abgeschiedenheit. Er schreibt, sie malt unter freiem Himmel. Morgens packt sie den Rucksack, schultert die gerollte Leinwand und geht zu ihrem Lieblingsmalplatz in der Natur. Dort entstanden alle 25 Bilder, die in der Ausstellung mit dem Titel «Grün» zu sehen sind. «Das Grün steht für die Natur.» Claudia Keel experimentiert aber weder mit der Farbe Grün, noch macht sie Farbstudien dazu. Sie hat aber eine Wand im Ausstellungssaal dunkelgrün gestrichen, was etwas plakativ wirkt. «Die Wände meines Ateliers in St. Gallen sind dunkelgrün. Ich wollte meinen Bildern wieder eine Heimat geben», sagt sie dazu. Und warum ist nur eine Wand grün, und nicht alle? «Das habe ich intuitiv so gemacht.»

Die Künstlerin folgt beim Malen ihren Impulsen und lässt innere Bilder entstehen. (Bild: Benjamin Manser)

Die Künstlerin folgt beim Malen ihren Impulsen und lässt innere Bilder entstehen. (Bild: Benjamin Manser)

Intuitiv entstehen auch die «inneren Bilder», die sie beim Malen entstehen lässt. Tiere verleihen den Werken eine märchenhafte Note: Pferde stäuben auseinander; Eine Frau begegnet einem Wolf-Mann. Ein Narr mit einem Hund und einem Vogel auf der Schulter tritt geisterhaft aus dem Dunkeln hervor. Die Malerin spart nicht an flirrenden Rosatönen, die an ein Morgen- oder Abendrot erinnern. Manches Bild wirkt dadurch süsslich und gefällig. Was gut ankommt, mehrere sind bereits verkauft.

Etliche Bilder sind bereits verkauft - so auch dieses Reh im Blumenmeer. (Bild: Benjamin Manser)

Etliche Bilder sind bereits verkauft - so auch dieses Reh im Blumenmeer.
(Bild: Benjamin Manser)

Im Tessin über Sinnfragen brüten

Aufgewachsen ist die Tochter einer Lehrerin und eines Kinderarztes im St. Galler Rheintal. Als sie 22 ist, kommt ihre Tochter zur Welt. Die alleinerziehende Mutter arbeitet als Primarlehrerin. Mit 24 absolviert sie in Zürich eine Tanzausbildung, wendet sich dann aber der Malerei zu – ein für sie notwendiger Ausdruck. Anfangs tastete sich Claudia Keel in zart lasierenden Pastelltönen an die Malerei, heute greift sie auch zu kräftigen, expressiveren Farben.

Schon bald werden Claudia Keel und ihr Mann wieder in die Tessiner Wildnis zurückkehren. «Das ist für uns existenziell», sagt die Künstlerin. «Dort beschäftigen wir uns ernsthaft mit den grossen Fragen: Warum sind wir hier? Und was machen wir mit unserer so begrenzten Lebenszeit? Ganz bestimmt kein Shopping.» In ihrem Refugium in den Bergen ist der Konsumrausch weit weg. Dafür schaut ab und zu ein Reh vorbei.

Claudiakeel.ch, Ausstellung in St. Gallen, Architekturforum Ostschweiz, Lagerhaus, bis 24.März, Di bis So 14 – 17 Uhr.