Das Raubtier leckt Blut

Sennentuntschi Mit der Weltpremiere von Michael Steiners Mysterien-Thriller ist das Zurich Film Festival gestern abend eröffnet worden. Seine turbulente Entstehungsgeschichte ist dem Film nicht anzumerken. Der Thriller, der im Bündnerland spielt, fesselt von Anfang bis Ende: Ein brillantes Stück Filmkunst. Philippe Reichen, Zürich

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Das Sennentuntschi (Roxane Mesquida) wird zum Racheengel. Wo es auftaucht, fliesst Blut. (Bild: Constantin Film)

Das Sennentuntschi (Roxane Mesquida) wird zum Racheengel. Wo es auftaucht, fliesst Blut. (Bild: Constantin Film)

Die Erwartungen an Michael Steiners «Sennentuntschi» waren riesig. So gross, dass man befürchten musste, Steiner würde sie nach der chaotischen Produktion (siehe Kasten) niemals erfüllen können. Das Gegenteil trat ein: Steiners über zwei Stunden dauernder Mysterien-Thriller fesselt von Anfang bis Ende. Der Film entlädt auf der Leinwand eine Kraft, er kommt mit einer Wucht und Geradlinigkeit daher, die erschlägt – und für die Schweizer Filmszene einzigartig ist.

Unter anderem, weil dem Regisseur und seinen Co-Drehbuchautoren Michael Sauter und Stephanie Yapp etwas gelingt, das im Schweizer Film eigentlich nicht funktioniert: «Sennentuntschi» kommt mit keiner einzigen sympathischen Figur aus. Er hat zwar mit dem Polizisten Sebastian Reusch (Nicholas Ofczarek) einen halbwegs integren, aber nicht besonders intelligenten Protagonisten; aber das Sennentuntschi (Roxane Mesquida), das Sympathien auf sich vereinen sollte, zerstört diese im nächsten Augenblick wieder. – Warum nur?

Gottverlassene Alp

Es geht eine ganze Weile, bis man eine – noch vage – Vorstellung von möglichen Zusammenhängen entwickelt, und noch viel länger, bis der Regisseur auch die letzten Geheimnisse preisgibt. Der Film, der in den 1970er-Jahren abwechselnd in einem Bündner Bergdorf und auf einer gottverlassenen Alp spielt, beginnt mit der Beerdigung des Mesmers.

Wie aus dem Nichts taucht auf dem Gang zurück in die Kirche eine junge Frau von wilder Schönheit auf. Niemand kennt sie. Polizist Reusch nimmt sie auf den Posten mit, um Näheres über ihre Identität zu erfahren. Doch die Frau spricht nicht, aber sie küsst den Polizisten. Als Reusch sie einsperrt, wird sie zur Furie.

Die Hinweise verdichten sich, dass die Frau von der Höhenalp stammt, wo Sennen in ihrer Einsamkeit vieles und Unvorstellbares tun, um an eine Frau zu kommen und ihre Lust zu befriedigen. Im Dorf hält Pfarrer Salis (Ueli Jäggi) die Unbekannte für eine

vom Dämon besessene Person. Und tatsächlich: Wo die Frau auftaucht, passiert Schlimmes. Das Blut fliesst in Strömen. Jede Tragödie ist ein Rätsel, doch für alles gibt es am Ende eine Erklärung.

Eine archaische Welt

Michael Steiner erzählt «Sennentuntschi» in der Retrospektive, wobei er gleich mehrere Zeitebenen schafft, zwischen denen er virtuos changiert.

Konzentration, um seiner Erzählweise folgen zu können, fordert er nicht explizit; Steiner schafft sie über die Spannungsmomente, die im Film dicht aufeinander folgen. Zeitweise bleibt kaum Zeit zu atmen, sich auszuruhen ohnehin nicht, dabei bleibt viel im Symbolischen angedeutet, wird also gar nicht erst ausgesprochen. Die Bildsprache mit einer Bergwelt, die Romantik böte, aber nichts als Einschüchterung bewirkt, ist brillant.

Michael Steiner trägt die Farbe mit dem dicken Pinsel auf, zeigt nackte, blaue Felswände, trostlose Geröllhalden, wilde Wälder.

Geschickt streut er Elemente des Horrorfilms ein, auch Vergewaltigungsszenen. Es ist eine archaische, unaufgeklärte, tabulose, triebgesteuerte Welt, in der «Sennentuntschi» spielt; authentisch in Szene gesetzt von Andrea Zogg, Carlos Leal und dem jungen Joel Basman, die die Sennen Erwin, Martin und Albert spielen. Jeder versucht den anderen beim körperbetonten Spiel zu überbieten.

Sennentuntschi Roxane Mesquida bewegt sich noch einmal in einer eigenen Kategorie.

Gedanken an Fall Kampusch

«Sennentuntschi» lässt sich gemessen an seiner Qualität und Machart mit Filmen wie «Das Parfum» oder «Schlafes Bruder» problemlos vergleichen. Es ist ein Werk, das gerade in Österreich grosse Betroffenheit auslösen und in den Medien ausführlich besprochen werden dürfte.

Ein Geheimnis sei darum an dieser Stelle verraten: «Sennentuntschi» weckt Assoziationen zum Schicksal von Natascha Kampusch und den Opfern von Josef Fritzl.

Ein grosser Entwicklungsschritt

Michael Steiner hofft, dass «Sennentuntschi kein Film für Filmleute» wird, wie er das Liebhaber-Publikum nennt, sondern dass der Film ein breiteres Publikum findet. Er möchte ihn nach Zürich auch an andere internationale Filmfestivals bringen.

In seiner Entwicklung als Regisseur hat er allen Wirren und gerechtfertigten und ungerechtfertigten Anfeindungen zum Trotz einen grossen Schritt gemacht. Nach dem Drama «Grounding» und dem Familienfilm «Eugen» ist ihm mit «Sennentuntschi» in einem anderen Genre ein weiterer grosser Wurf gelungen, der unverkennbar seine Handschrift trägt.

Steiners Kritiker, von denen es nicht wenige gibt, hätten das «Sennentuntschi» lieber anders gehabt: Leider für sie ist der Film ein brillantes Stück Schweizer Filmkunst.