Zum ersten Mal ins Theater: Das Publikum sitzt auf der Bühne

Am Figurentheater St.Gallen gibt es mit «ZippelZappel» Stücke für Kinder ab drei Jahren – aber keine für noch Jüngere.

Bettina Kugler
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Vorspiel, noch auf der «Wiese» vor der Bühne: Alena Baumgartner spielt und erzählt in «ZippelZappel Nr.2» interaktiv.

Vorspiel, noch auf der «Wiese» vor der Bühne: Alena Baumgartner spielt und erzählt in «ZippelZappel Nr.2» interaktiv.

Bild: Urs Bucher

Was wünscht sich ein Häsli zum Geburtstag? Etwas zum Knabbern: knackig, orange, gesund. Ein Rüebli aber muss erst wachsen. Zum Gedeihen braucht es Sonne, Regen, Zuwendung und Erde, dann wird es riesengross. Zu gross, um es allein zu ernten! Das ist der Keim der Geschichte, die Alena Baumgartner, als Gärtnerin Iris mit Strohhut, Schürze und Gummistiefeln gut gerüstet, erzählt und spielt. «ZippelZappel Nr. 2» ist eine von bislang drei Produktionen für Zuschauer ab drei am Figurentheater. Etwa eine halbe Stunde darf das Stück dauern; «mehr übersteigt die Auf­merksamkeitsspanne», weiss Co-Theaterleiterin Frauke Jacobi aus Erfahrung.

Maximal 30 Kinder werden zunächst im Foyer willkommen geheissen und dürfen dann direkt auf der Bühne Platz nehmen. So können sie besser mitsingen und sich bewegen, gemeinsam Regentropfen auf den Boden klopfen, der schusseligen Iris im Hin und Her auf die Sprünge helfen. «Bodenkontakt gibt Sicherheit», sagt Frauke Jacobi, «anders als hoch eingestellte Sitze. Da hängen die Füsse in der Luft.» Die Geschichte ist einfach, soll aber spannend sein – ohne Angst zu machen. Am besten geht das, wenn die Kinder einbezogen werden und es nicht ganz dunkel wird.

Behutsam vertraut werden mit dem Theater

Die Grossen sollen sich derweil möglichst zurückhalten, weder die Sicht versperren noch die Bewegungsfreiheit einschränken. Schon gar nicht erklären, was gerade zu sehen ist, wer da was macht und sagt. So nämlich ist es oft, wenn kleine Geschwister mitgenommen werden in Stücke ab vier oder fünf Jahren, für die sie noch zu klein sind und zu zappelig auf Mamas Schoss. «Das stört die älteren Kinder und schmälert für alle das Theatererlebnis», sagt Frauke Jacobi. «Wir möchten ja niemanden an der Kasse oder am Eingang abweisen. Besser, es gibt für jedes Alter etwas Geeignetes.»

Schon länger hat sie bei der Programmierung verstärkt die älteren Kinder im Blick, Acht- bis Zwölfjährige. Zu schnell gehen sie als Publikum verloren, weil die meisten Stücke auf Kleinere zugeschnitten sind. Doch auch zur Eingewöhnung fehlte vor «ZippelZappel» ein passendes Angebot: eines, das sie behutsam vertraut macht mit der Atmosphäre einer Theaterinszenierung, der Magie des Raumes, auf spielerische, interaktive Weise. «Nun können wir Kinder schon früher abholen und wollen sie dann möglichst lange begleiten», sagt Frauke Jacobi.

Ins Boot geholt hat sie zum einen Spielerinnen, die auch eine Ausbildung als Kindergärtnerin haben: Das hilft ihnen, auf ihr jeweiliges Publikum einfühlsam zu reagieren. Zum anderen arbeitet das Figurentheater zusammen mit der Theaterpädagogin und Regisseurin Edith Zwygart. In «ZippelZappel Nr.3», das in den nächsten Tagen auf dem Spielplan stehen wird, hat sie Regie geführt. «Kinder lieben Wiederholungen», sagt sie, «darum achte ich darauf, dass das Stück wie eine Spirale aufgebaut ist. Es passiert immer wieder etwa das Gleiche, aber in einem anderen Tempo, einer anderen Stimmung.»

Zweijährige brauchen Zeit, Raum und andere Kinder

Wie Frauke Jacobi betrachtet auch Edith Zwygart die Bestrebungen, schon Kinder im Krabbelalter mit speziellen Stücken abzuholen, wie sie derzeit am «Prima»-Festival in Zürich, Bern, Frauenfeld und anderen Städten präsentiert werden, mit Skepsis. Also performative Produktionen mit Klang, Geräusch, Objekten, wenig Worten. «In diesem Alter brauchen Kinder Raum, Zeit, unstrukturiertes Material und andere Kinder», ist Edith Zwygart überzeugt. «Da ergeben sich von selbst ‹performative Stücke›, in denen die Kinder mitspielen oder den ­anderen Kindern zuschauen.» Eine Situation, die im gehetzten Alltag oft keinen Platz mehr hat. «Im Gegensatz zum Fernsehprogramm sind solche Theatererlebnisse immerhin live.»

«ZippelZappel» zielt nicht darauf ab, dass das Kind am Ende die Geschichte nacherzählen kann. Eher, dass es etwas mitnimmt vom vergänglichen Zauber des Theaters: ein Bild, ein Gefühl, einen Geruch. Oder etwas so Nahrhaftes wie ein Rüebli für den Heimweg.

So 14.30 Uhr, Mo 11 Uhr, Mi 14.30 Uhr, Figurentheater St.Gallen.