Das Publikum darf mitspielen

Fünf junge Kunstschaffende aus Luzern haben vom Kunstraum Nextex eine Carte blanche erhalten. Mit einer mathematischen Gleichung haben sie ihre Schau betitelt und zeigen aktuelle und eigens für den St. Galler Auftritt entstandene Arbeiten.

Kristin Schmidt
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Vier der fünf Luzerner Kunstschaffenden, die für die aktuelle Nextex-Ausstellung künstlerisch «fusionierten»: Selina Buess, Pascale Eiberle, Adrian Rast und Valentin Beck (v. l.). (Bild: Ralph Ribi)

Vier der fünf Luzerner Kunstschaffenden, die für die aktuelle Nextex-Ausstellung künstlerisch «fusionierten»: Selina Buess, Pascale Eiberle, Adrian Rast und Valentin Beck (v. l.). (Bild: Ralph Ribi)

Fülle und Verzicht, Kreation und Dekonstruktion, Reichtum und Zurückhaltung – die aktuelle Ausstellung im Nextex St. Gallen ist eine Präsentation der Gegensätze. Noch selten kamen Kontraste so selbstverständlich daher, so im Einklang miteinander und dennoch so spannungsvoll. Zum Beispiel das Ausbreiten und Verschwindenlassen: Ein Teppich aus 190 Zeichnungen ist auf dem Boden angeordnet. Manche der Blätter sind mit farbigen Schraffuren bedeckt, andere mit Bleistiftkrakeln, andere mit Skizzen. Viele Blätter sind mit wässriger Farbe bemalt, die meisten davon liegen jedoch mit der Schauseite nach unten, so dass nur das durch die Feuchtigkeit gewellte Weiss zu sehen ist.

Nextex-Boden als Rahmen

Und einige der weissen Rechtecke schliesslich sind ganz und gar unberührt. Sie liegen stärker links angeordnet, die gefüllten Blätter eher rechts. Die unscheinbare und doch gezielt vorgenommene Verteilung bringt das ganze Feld zum Wogen. Es balanciert zwischen schwer und leicht, zwischen Geste und Konstrukt. Zugleich integriert diese Installation den leicht ocker getönten, ungleichmässigen Boden des Nextex als Rahmen und Hintergrund.

Überhaupt zeigt sich mit «(…) + ! = ()», so die Formel, die auch Ausstellungstitel ist, einmal mehr, wie gut der Raum am Blumenbergplatz für Ausstellungen geeignet ist, wenn die Künstlerinnen und Künstler das richtige Gespür mitbringen. So wie Adrian Rast, Valentin Beck, Pascale Eiberle, Selina Buess und Sabrina Labis. Die fünf Studierenden der Kunst und Vermittlung an der Hochschule Luzern arbeiten seit über zwei Jahren im gleichen Atelier. Sie sind kein festes Kollektiv, doch immer wieder fusionieren sie für ihre Werke.

Und selbst wenn jeder eigenen Projekten nachgeht, spielen sie sich gegenseitig Ideen zu. Es ist also konsequent, dass sie im Nextex davon absehen, die Werke den Namen zuzuordnen. Ohnehin verstehen sie ihre Arbeiten nicht als endgültige Werke, sondern suchen und reflektieren damit ihre Erfahrungen und beziehen auch das Publikum ein.

Datteln essen

Dieses darf mitspielen, mitwerfen, darf Kreide mitnehmen, um Gedichte auf die Strasse zu schreiben, darf statt eines Catwalks einen Fatwalk in ausgedienten Friteusekörben unternehmen oder Datteln essen, bis die Kerne als «Never Ending Candy» im Mund bleiben. Aber auch wer bei zeitgenössischer Kunst lieber schaut als kaut, hat einiges zu tun. Selbst in der kleinsten Versuchsanordnung oder im beiläufigsten Objekt verbergen sich ein kleiner Kosmos, eine grosse Anspielung oder einfach nur ein guter Witz.

Reflexionen über Konsum

Daneben lohnen die Videos innezuhalten, wenn sich etwa vor einem Frauenschoss ein weisser Plastiksack aufbläht und wieder in sich zusammensinkt. Schon beginnen die Reflexionen über Konsum oder tradierte Frauenbilder. Aber auch Kunstgeschichte und Kunstkommerz sind Themen der Ausstellung. In einer Raumecke sind lackierte Gipstafeln klassisch gehängt wie in einer Galeriesituation.

Das junge Künstlerkollektiv probt hier aber das Gegenteil von Marktstrategien: Wie die gesamte Ausstellung wird sich auch diese Installation an den folgenden zwei Donnerstagen verändern. Das Etablierte weicht dem Neuen, der Unbefangenheit, der schlichten Lust auf Kunst.

Nextex (Blumenbergplatz): Bis 23. Januar (Di 12–16 Uhr; Do 12– 16 Uhr/19–22 Uhr)

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