Das Prinzip Dreckschleuder

Einmal noch wollte der bald 84jährige Umberto Eco einen Roman schreiben. «Nullnummer» ist eine bissige Satire über Italien geworden – und über die Methoden der modernen Sensationspresse.

Rolf App
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Silvio Berlusconi ist die heimliche Hauptfigur von Umberto Ecos letztem Roman. (Bild: ap/Gregorio Borgia)

Silvio Berlusconi ist die heimliche Hauptfigur von Umberto Ecos letztem Roman. (Bild: ap/Gregorio Borgia)

Man liegt nicht falsch, wenn man bei diesem Commendatore Vimercate an den Cavaliere Silvio Berlusconi denkt. Immerhin spielt Umberto Ecos letzter Roman «Nullnummer» in Italien, immerhin ist der Commendatore so unsichtbar wie einflussreich. Aber man könnte durchaus auch auf Rupert Murdoch kommen, den australischen Medientycoon. Weil das, was hier eingeübt wird, so verdächtig jenen Praktiken ähnelt, die im englischen Zweig von Murdochs Reich über lange Zeit gang und gäbe waren.

Und eine saftige Verschwörung

Allerdings wäre Umberto Eco auch nicht Umberto Eco, wenn er die Sache nicht in eine – trotz des trüben Themas – lustvoll fabulierte Handlung packen würde, in der es gegen Ende hin auch einen Toten zu beklagen gibt. Und in der es auch um eine saftige Verschwörung geht. Was wiederum gut zum heutigen Internet und seinen Auswüchsen passt, obwohl die Handlung im Jahr 1992 spielt.

Colonna, Ich-Erzähler und Hauptfigur von «Nullnummer», sagt es am Anfang selbst: Es ist kein grosses Leben, das er bisher als Übersetzer und Lektor geführt hat. Jetzt aber, mit fünfzig, erreicht ihn ein Auftrag, der so seltsam wie reizvoll ist. Er soll die Autobiographie des Journalisten Simei schreiben; darin eingebettet ein Projekt, das noch viel seltsamer klingt und das zu begreifen Colonna eine Weile braucht.

Der Plan des Commendatore…

Der erwähnte Commendatore Vimercate will nämlich eine Zeitung auf den Markt werfen, was ihn in die bessere Gesellschaft katapultieren soll. «Domani» soll ein Enthüllungsblatt übelster Sorte werden, das dem «Prinzip Dreckschleuder» folgt, wie Umberto Eco das selber genannt hat, und Verdächtigung an Verdächtigung reiht. Frei nach der Devise: Es bleibt immer etwas hängen. Der Clou dabei: Vimercate hat gar nicht wirklich vor, die Zeitung zu lancieren. Er will nur von einem Trupp von Journalisten ein paar Nullnummern fertigen lassen, die er herumzeigen – und mit denen er drohen kann. Doch davon dürfen die Journalisten nichts wissen.

…und Simeis Plan

Simei aber hat vom Commendatore gelernt und verfolgt einen zweiten Plan. In einem Buch will er die Geschichte des Projekts enthüllen und seine eigene Rolle schönschreiben lassen. Vielleicht wird er das Manuskript dann auch in der Schublade verschwinden lassen – wenn jemand anständig dafür zahlt.

Colonna aber spielt eine Doppelrolle: Heimlich arbeitet er am Buch, offiziell schult er die sechsköpfige Redaktion, in der sich ein paar seltsame Typen zusammengefunden haben. Der seltsamste unter ihnen, Romano Braggadocio, nimmt ihn bald einmal beiseite. Er sei da an einer grossen Sache, erklärt er; es gehe um Mussolini, der, wie alle Welt glaube, 1945 mit seiner Geliebten in Norditalien erschossen worden sei. Doch Braggadoccio hat eine andere Theorie. So ein Diktator habe doch einen Doppelgänger, denkt er sich. Könnte es also nicht sein, dass nicht Mussolini erschossen wurde, sondern sein Double? Und dass er weiter gelebt hat, vielleicht im Vatikan? Und von dort aus die Fäden gezogen hat im Hintergrund? Beweise dafür gibt es nicht, aber was kümmern schon Beweise? Colonna hält ihn für verrückt, meint aber: «Seine Geschichte war vielleicht erfunden, aber sie war packend.»

Fakten: Nebensächlich

Auf die Fakten kommt es auch in der übrigen Redaktionsarbeit nicht an. Sondern auf die Interessen des Commendatore, der mal den einen verschont, mal den andern durch den Dreck gezogen haben will. Und auf die Leser, dies allerdings auf eine ziemlich schlitzohrige Art. Simei erklärt es gegenüber der unbequem-kritischen (und deshalb auch zu den Horoskopen versetzten) Maria Fresia so: «Die Leute wissen zuerst nicht, was sie wollen, dann sagen wir's ihnen, und sie merken, dass sie es längst gewollt haben.»

Als Falcone ermordet wird

Einmal nur bricht die Realität in diese Phantasiewelt ein – als am Abend des 23. Mai 1992 der Richter Giovanni Falcone von der Mafia ermordet wird. Die Redaktion ist erschüttert und will das Ereignis zum Thema machen. Simei wiegelt ab, redet das Attentat klein, sagt: «Für heute lassen's wir lieber.»

Was Colonna zum bissigen Kommentar veranlasst: «Nachdem Falcone auf diese Weise ein zweites Mal liquidiert worden war, widmeten wir uns ernsthafteren Dingen.»

Umberto Eco: Nullnummer, Hanser 2015, 231 S., Fr. 31.90

Umberto Eco Schriftsteller (Bild: ap)

Umberto Eco Schriftsteller (Bild: ap)