«Das Nebelmännle vom Bodensee»: Junge Autorin erzählt alte Sage aus der Region neu

Die Konstanzer Autorin Anke Klaassen erweckt im Buch «Das Nebelmännle vom Bodensee» eine alte Geschichte zu neuem Leben. Mit märchenhaft zarten, fantasievollen Aquarellen tauchen kleine Leser ein die geheimnisvolle Welt des kleinen Nebelmännles, das über den Bodensee herrscht.

Bettina Kugler
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Autorin Anke Klaassen mit ihrem Buch.

Autorin Anke Klaassen mit ihrem Buch.

Bild: Donato Caspari

An diesem Winternachmittag versteckt sich das Kerlchen wohl dort, wo es «seit schlangenlangen Zeiten haust»: in einem Loch am finsteren Grund des Bodensees, in der Nähe des Dörfchens Bodman. Wo das Wasser auch bei klirrender Kälte nie gefriert, wo kein Fisch, kein Taucher und kein Sonnenstrahl den Boden erreicht.

Für zähen Nebel ist das Bodenseeufer in der dunklen Jahreszeit berüchtigt. Doch das fuchsgrosse Männlein, das der Sage nach über ihn gebietet, ist ein scheues Wesen. Ein Geist, der sich verkriecht, wenn über ihn geredet werden soll. Stattdessen leuchtet die Sonne den Konstanzer Hafen grosszügig aus. Den Fotografen freut es.

Im Nebel lässt sich viel entdecken

Anke Klaassen aber liebt den Nebel ebenso wie strahlende Tage. Sie hätte sonst kaum Gefallen gefunden an der alten Sage, die sie für ihr erstes Kinderbuch nacherzählt hat. Im Herbst ist «Das Nebelmännle vom Bodensee» im Stuttgarter Verlag Urachhaus erschienen, mit märchenhaft zarten, fantasievollen Aquarellen der Illustratorin Daniela Drescher. «Ich gehe gern im Nebel spazieren», sagt Anke Klaassen.

«Man kann so viel dabei entdecken. Gerade weil das Licht gedämpft ist und weniger Leute unterwegs sind, wird man aufmerksamer.»
Zarte, fantasievolle Aquarelle der Illustratorin Daniela Drescher.

Zarte, fantasievolle Aquarelle der Illustratorin Daniela Drescher.

Bild: Urachhaus

Seit mehr als zehn Jahren lebt sie in Konstanz; sie hat an der Universität auf dem Giessberg Literatur- und Medienwissenschaft studiert, nach dem Bachelor an die Filmhochschule in Ludwigsburg gewechselt. Dort lernte sie Drehbuchschreiben, realisierte mehrere Kurzfilme und einen Langfilm über und mit Flüchtlingskindern aus Syrien. Mit dem mobilen Figurentheater «Piratonauten» war Anke Klaassen unterwegs und hat in Flüchtlingsunterkünften gespielt.

Geschrieben hat sie schon als Schülerin, Gedichte und Kurzgeschichten. «Es hat etwas Klärendes, Gedanken in ein Gedicht zu legen», sagt sie. Wichtig ist ihr auch die Verbindung zur Natur, das Draussensein. So hat sie eine Zusatzausbildung als Natur- und Erlebnispädagogin absolviert.

Als ihre Tochter geboren wurde, zog es Anke Klaassen zurück nach Konstanz. Sie wollte mehr über die Gegend und ihre Geschichten erfahren, dem Kind und sich selbst damit das Gefühl der Verwurzelung geben. «Man spürt in Sagen das Wesen eines Ortes, seine Seele», das hat sie auch auf Reisen durch die Mongolei, Marokko der Südostasien erlebt.

Bald führt sie ihr «Männle» als Theaterstück auf

Auf der Suche nach Sagen vom Bodensee hat Anke Klaassen sich sofort mit dem Nebelmännle angefreundet. Dennoch blieb der Naturgeist nicht so elementar und archaisch wie in den Vorlagen, Ludwig Uhlands «Zur schwäbischen Sagenkunde» und den «Deutschen Volksmärchen aus Schwaben».

Bei Anke Klaassen hat das Nebelmännle einen milderen Charakter als in der alten Sage.

Bei Anke Klaassen hat das Nebelmännle einen milderen Charakter als in der alten Sage.

Bild: Urachhaus

In ihrer Nacherzählung hat Anke Klaassen dem Männle einen milderen Charakter gegeben, den Eigensinn jedoch gelassen. Sie hat Stränge aus verschiedenen Sagen und Märchen verflochten und eine runde Erzählung mit kindgerechtem Spannungsbogen angestrebt: Als der Ritter von Bodman aus Ärger über ein Fest der Seegeister eine Nebelglocke aufhängt, geht das Männle samt Gattin ins Exil. Ein Entschluss mit Folgen. Auch der Ritter wird aufbrechen und lange «auf Weltfahrt» sein, bis er sein Glück wiederfindet – und alle, Geister inklusive, ihren Heimatort.

Anke Klaassen ist derweil schon wieder einen Schritt weiter. Gerade baut sie ein Kamishibai, ein Papiertheater nach japanischem Vorbild, das aufs Velo passt. Damit will sie das «Nebelmännle» dort spielen, wo es sich Menschen seit ewigen Zeiten zeigt: draussen, im Freien.

Anke Klaassen: «Das Nebelmännle vom Bodensee». Ab 4. Verlag Urachhaus; 40 S.

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