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Das Morden hat kein Ende

«Nathan der Weise» wankt am Schauspielhaus Zürich im Ascheregen zur fragilen Versöhnung zwischen den Religionen. Darunter brodelt es weiter. Am Samstag war bejubelte Premiere.
Hansruedi Kugler
Der junge Tempelherr (Johannes Sima) verhöhnt Nathan (Robert Hunger-Bühler), während es vom Himmel Schnee und Asche regnet. (Bild: Tanja Dorendorf)

Der junge Tempelherr (Johannes Sima) verhöhnt Nathan (Robert Hunger-Bühler), während es vom Himmel Schnee und Asche regnet. (Bild: Tanja Dorendorf)

Gegen Ende des Stücks bringt die schwarz gewandete Schwester des Sultans als eiskalte Vollstreckerin den abtrünnigen Derwisch zum Schweigen. Dieser wollte sich aus der Hölle des Religionsfanatismus in einen friedlich meditierenden Hinduismus verabschieden. Zur IS-Uniform ist da nur ein kleiner Gedankensprung. Die Szene arbeitet mit grösster Schärfe die verborgene Doppelbödigkeit heraus: Vorne wird Religionstoleranz und Humanität herbeigeredet, hinten wird massakriert. So weit zum Thema Idylle und Macht. Hätte der christliche Patriarch ebenso viel Gewalt, Nathan würde auf dem Scheiterhaufen brennen. Diese Fanatiker hocken meist in Warteposition am Rand der Bühne. Gezähmt sind sie nicht.

Optimismus unter Ascheregen

Schon die Anfangsszene auf der Pfauen-Bühne ist eine Wucht: Über der leeren, schwarzen Bühne singt ein Muezzin aus Lautsprechern. Darunter knien sieben verschleierte Gestalten in schwarzen Ledermänteln auf Gebetsteppichen. Ein düsteres Bild wie aus einem IS-Lager. Die Versammlung löst sich auf und Nathan, etwas eindimensional eingeschüchtert gespielt von Robert Hunger-Bühler, tritt als Zeitgenosse auf. Zeitgenössisch sind auch die anderen gekleidet: Kippa, ordengeschmückte Uniform, martialisch aussehender Hijab.

Regisseurin Daniela Löffner lässt in Jerusalem zugleich Schnee und Asche vom Himmel fallen. Nathans Haus ist abgebrannt, die Stadt wird belagert von Kreuzrittern, die auf den Waffenstillstand spucken. In Zeiten akuter Bedrohung liegen die Nerven besonders blank – das kommt einem auch hierzulande nur allzu bekannt vor. Die Asche regnet bis zur berühmten Ringparabel. Danach ist der Himmel so klar, wie die humane Vernunft in den Köpfen der Figuren sein sollte. Der Sultan zeigt sich zugänglich. Verlockend winkt die Versöhnung aus Lessings «Nathan der Weise.» Ja, es könnte die grosse Vernunft-Idylle der Humanität sein: Aus Religion lässt sich kein Herrschaftsanspruch mehr ableiten, weil man sich durch Religionskritik geläutert der Toleranz brüsten kann. Daniela Löffner lässt denn auch die humanen Sätze wunderbar klar sprechen, die beim Tempelherrn, beim Sultan, bei Recha auf offene Ohren stossen – ein gelebtes Beispiel aufgeklärten Gesprächs. Das wäre ganz im Sinne Lessings, der seinen Nathan ja auch mehr als Lesestück gesehen hat.

Beunruhigtes Happy End

Löffner macht aber klar, dass hier ein Märchen abläuft, das einem Komödienschema entlang geschrieben ist: vom Hausbrand, der wundersamen Rettung von Nathans Tochter durch den selbstlosen Tempelherrn über Verwechslungen bis zum Happy End der wieder vereinten multireligiösen Grossfamilie. Auf betörende Weise legt die Inszenierung jene Glut frei, die selbst dieses aufklärerische Stück nicht löscht: fanatischer Exzess, skrupelloser Terror gegen Abweichler, Mord an Kriegsgefangenen.

237 Jahre alt ist «Nathan der Weise» und wird jeweils zum Stück der Stunde erklärt, wenn Machthaber oder Terroristen ihren Irrwitz mit Religion legitimieren wollen. Keine deutsche Stadt, in der das Stück in dieser Saison nicht auf der Bühne steht. In Zürich blickt Nathan beunruhigt auf die Diskrepanz zwischen Vernunft und Machtwahn. «Nathan der Weise» entstand 1779 als Reaktion auf die Zensur, die seinem Autor Lessing vom rigiden norddeutschen Protestantismus auferlegt worden war. Er musste seine Religionskritik fortan in Kunst verstecken. Sie ist heute noch gültige Referenz.

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